Paul Auster : Winterjournal

Der Tonsatz, mit dem Paul Auster am Vorabend seines 64. Geburtstag uns das Du anbietet und sein Winter-Tagebuch eröffnet, reißt den Leser auf die Tanzfläche eines Schriftstellerlebens, das sich im Rhythmus der Wortmusik bewegt, dreht, wendet, vor- und wieder zurückschreibt. Man sollte den Originaltext aufschlagen, um die Choreographie der Worte, um den Takt, den Refrain, die Hebungen und Senkungen, die Synkopen der Typen im Einzelnen wie im Ganzen zu vernehmen, die auf das Papier gestanzt werden:
„You think it will never happen to you, that it cannot happen to you, that you are the only person in the world to whom none of these things will ever happen, and then, one by one, they all begin to happen to you, in the same way they happen to everyone else.“

Erzählen heißt Erinnern. In Vor- und Rückblicken untersucht Auster das Gedächtnis seiner Haut, die Bio-Graphie seines Körpers. Es geht um das Äußere, um Narben, Verletzungen, Schürfwunden, an die sich der Autor erinnert. Es geht um die einfache, wundersame Entdeckung, dass der Penis einem aufrecht behelmten Feuerwehrmann gleicht und darum, was man sonst noch mit ihm anstellen kann. Es geht um die Bedeutung der Hände, was sie berührten und formten. Es geht um die Geschichten der Räume, die den Autor bewohnten. In einundzwanzig Stationen durchläuft Auster die Kammern und Dachstuben in Paris, die Stadtwohnungen und Häuser in Vermont, Manhattan und Brooklyn, in denen er lebte und schrieb. Es geht um die möglichen Vorboten. Um Verluste und Trennungen und ach – natürlich geht es um Liebe und – soviel sei vorweggenommen – um die Begegnung mit der größten Liebe, seiner Ehefrau und der Autorin Siri Hustvedt. Vielleicht wurde nie eine zärtlichere Hommage an eine Frau und nie ein liebevolleres, wärmeres Buch im Winter geschrieben. Wir blicken gespannt auf den kommenden Memoirenband „Bericht aus dem Inneren“ (Orig: Report from the Interior).

 

Paul Auster: Winterjournal, Rowohlt Verlag, 256 Seiten, 19,95 EUR.