Paul Nizon : Die Belagerung der Welt

Paul Nizons Tagebücher – in der vorliegende Ausgabe von Martin Simon aus fünf bereits publizierten Journalen ausgewählt und zusammengestellt – sind alles andere als Nebenprodukte eines Schriftstelleralltags. Es geht um den Funken, der das Funkeln erzeugt. Die losen Aufzeichnungen, Selbstreflexionen, Schriftstellerportraits, Reiseskizzen, Traumwelten, erotischen Streifzüge und Großstadtszenen, können, wie sein Hauptverleger und Förderer Siegfried Unseld vortrefflich formulierte, als Archetypen eines Literaturbesessenen gelesen werden, der die unabdingbare Selbstsucht seiner poetischen Existenz belagert, protokolliert; der Momente aufspürt, Gespräche wiedergibt und nach und nach seine Figuren und Stoffe in Stellung – und damit zur Welt bringt. Ob auf seinen Streifzügen durchs nächtliche Paris, seine Hurenbesuche, Kinofilme, die Irrungen und Wirrungen der Liebe, Begegnungen mit Max Frisch und Elias Canetti: Jede Passage atmet Leben und befragt rigoros die Möglichkeiten der Schriftexistenz. Das ist Dichtung und Wahrheit minus Selbstgefälligkeit, werkvergessen und eben darum in seiner Leidenschaft, seinem Lebenshunger und Liebenswahn ein entzündlicher, hochviraler Stoff zum Lesen.

Paul Nizon: Die Belagerung der Welt, hrsg. von Martin Simons, Suhrkamp Verlag Berlin 2013, 350 Seiten, 19,95 Euro.