Peter Handke : Versuch über den stillen Ort

Ja. Mit dem „Stillen Ort“ ist tatsächlich jenes sprichwörtlich „stille Örtchen“ gemeint, das uns nicht nur erlaubt, unsere Notdurft zu verrichten, sondern das uns darüber hinaus auch in anderer Not Zuflucht und Asyl bietet, wenn die Zumutungen dessen, was wir Welt, Gesellschaft oder das Soziale nennen, überhand nehmen und wir einen Ort im Abseits benötigen, um (manchmal im eigentlichen Sinne des Wortes) hinauszutreten und wieder oder allererst zu uns selbst zu kommen. Auf dem Klosett des geistlichen Internats macht der junge Peter Handke die Erfahrung, dass es an diesem Ort erstmals um ihn (und niemand anderen) geht. Und eine weitere Erfahrung soll sich im Weiteren bestätigen: Dass nämlich „das Verriegeln der Toilettentür in eins ging mit dem großen Aufatmen: Endlich allein!“ Handke fragt selbst: „War mein Aufsuchen der Stillen Orte, im Laufe des Lebens gleichsam weltweit, immer wieder auch ohne spezielle Notwendigkeit, vielleicht ein Ausdruck, wenn nicht von Gesellschaftsflucht, so doch von Gesellschaftswiderwillen. Von Gesellschaftsüberdruß?“ Ein geradezu „asozialer – ein antisozialer Akt?“ Ja, aber nicht nur. Denn die „so oder so stillen Orte“ dienen nicht allein als „Zuflucht, Asyl, Verstecke, Rückzugsgebiete, Abschirmungen, Einsiedeleien“, sie sind auch Orte der „Befreiung“, der „Unbändigkeit“, der Freisetzung „unbestimmter Energie“, ja der „Unverletzlichkeit“. Die Tempeltoilette im japanischen Nara wird so zu einem Ort der Ankunft und des Aufgenommenseins, dem Handke es verdankt, Japan zuletzt doch noch entdeckt und erlebt zu haben. Wenn sich Handke kurz darauf ermahnt, „Schluß jetzt mit der Ironie“ zu machen, die seine Sache – „zumindest im Schriftlichen“ – nicht sei, so sind wir uns als Lesende dennoch nicht ganz sicher, ob wir ihm hier unbedingt Glauben schenken dürfen oder wollen. Denn: Wer einigermaßen mit dem Werk Handkes vertraut ist, und wer die drei vorigen Versuche gelesen und (sehr zurecht) geschätzt hat, der begegnet in diesem vierten Versuch einer solch unerwarteten Freiheit und Gelassenheit dieses „umkreisenden oder umreißenden Erzählens“, welches die Lektüre dieses schmalen Buches zu einem um so größeren Vergnügen und zu einer (dürfen wir das hier überhaupt, zumal des literarisch noch wenig erprobten Inhalts wegen, bekennen?) Bereicherung dessen macht, was wir Erfahrung nennen.