Peter Handke : Versuch über den Pilznarren

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Nach vier ebenso disparaten wie geglückten Versuchen, die uns Peter Handke in den letzten Jahren geschenkt hat, mag dieser jüngste, fünfte Versuch über den Pilznarren auch bei den waldkundigsten Leser streckenweise die Frage aufwerfen: Worauf will er eigentlich hinaus? Wird dieser Versuch misslingen? Handke erzählt von sich und von einem aus den Augen verlorenen Jugendfreund, der, einst die Kärntner Wälder durchstreifend, sein Taschengeld mit Pilzesammeln aufbesserte, um sich davon Bücher zu kaufen. Er heiratet und macht als Jurist für Völkerrecht am internationalen Gerichtshof Karriere. Erst im Alter von 50 Jahren stößt der inzwischen verheiratete und werdende Vater durch Zufall auf einen Prachtexemplar von Steinpilz, ein Entbergungsgeschehen, das den Helden zum besessenen Waldgänger werden lässt; zu einem Narren, der die eigene Frau nicht mehr erkennt, wohl aber den Pilz, den sie in den Händen hält. Kind und Karriere schatten sich ab und werden ihm gleichgültig. Er geht in die Pilze und nimmt fortan den Abwesenheitsweg.
Anwesenheit, Abwesenheit, das Gerede, das Wesentliche und die Lichtung – stellenweise wurzelt und heideggert es sehr. Wer sich jedoch vom Wege abbringen lässt und dem Narren ins knollige Unterholz folgt, ist eingelassen in ein wundersames Geflecht aus Erzählungen und Bildern. Die Pilze werden dem Helden zur Sucht. Er verwechselt sie mit Kuhfladen, mit Taschentüchern. Und einmal, vor Gericht, setzt er anstelle eines Baretts einen großen Schirmpilz als Narrenkappe auf. Die Figur des Suchenden wird zur liebenswerten Leser- und Kippfigur, die sich – wie könnte es anders sein – in Chaville wiederfinden und über den Pilzrand hinweg wie im Märchen von Handke in einen Sehenden verzaubern lässt.

Peter Handke: Versuch über den Pilznarren. Suhrkamp, Berlin. 217 S., 18,95 €.