Philipp Schönthaler : Nach oben ist das Leben offen

Gesundheitsapostel aufgepasst! Von diesem Autor kann man was lernen! Intensiv hat er recherchiert über optimale Ernährung, die effektivsten Entspannungstechniken, Bewegungslehren bis hin zum mentalen Coaching. Sie ziehen sich wie ein roter Faden durch die Erzählungen als Sinnbild des modernen Menschen. Doch Schönthaler erzeugt mit seinem Kompendium der gesunden Lebensführung eher Grauen als Perspektive. Statt Orientierung und vielleicht sogar Erlösung erzwingt diese ein Schema, das an kargen, mönchischen Tagesablauf erinnert. Nicht jede seiner Figuren scheitert – manchen gelingt die Flucht – doch nur wenige verbessern ihre Lebensqualität, manche verzweifeln gerade an der sklavischen Einhaltung der selbstauferlegten Regeln, Traumata werden nicht überwunden, sondern tauchen nur verzögert im Nervenzusammenbruch wieder an die Oberfläche wie in „Wenn das Herz im eigenen Blut ertrinkt“. Schönthaler wendet seine Gedankenspiele auf die unterschiedlichsten Lebenssituationen an, er entwirft amüsante Utopien von der Deutschen Bahn in neuem Gewand, hält uns in „Shopping Mall“ (mit Preisfrage) den Narrenspiegel vorʻs Gesicht und lässt uns am Schluss oft mit einem Gefühl der Beklemmung zurück. Er „spielt“ nicht nur mit dem durchschnittlichen, gesundheitsbewussten Menschen, auch Extremsportlern, Tieftauchern und Bergsteigern nimmt er sich an. Wenige bekommen dabei ein eigenes Gesicht. In den variantenreich erzählten Geschichten sind die meisten austauschbar: Jana und Anja treffen Tommi und Timo beim Shoppen, das als absurdes Sinnbild für Menschwerdung steht. Die Begegnungen bleiben an der Oberfläche, lose verknüpfte, blitzlichtartige Einblicke in das Leben der Protagonisten bringen mehr Fragen als Antworten. Die erste sowie die letzte Erzählung sind im kollektiven (und erhellend enervierenden!) „wir“ geschrieben. Tritt das Individuum hervor, so bezahlt es das mit Ausschluss aus der Gemeinschaft (manchmal durch Tod). Die Monotonie dieser Gleichschaltung bekommt der Leser durch Wiederholungsschleifen zu spüren. Insofern ist der Autor gnadenlos zu denjenigen, die glaubten, eine Antwort auf die Frage nach dem „Wie sollen wir leben“ gefunden zu haben. Und er lässt diejenigen entspannt amüsiert sich zurücklehnen, die schon immer wussten, es nicht zu wissen.