Pierre Bost : Ein Sonntag auf dem Lande

Es gilt, ein literarisches Kleinod anzuzeigen. Dem Dörlemann Verlag sei gedankt, diesen 1945 erstmals erschienen Roman des heute weitgehend vergessenen französischen Autors Pierre Bost (1901-1975) dem deutschsprachigen Publikum wieder zugänglich gemacht zu haben. Wie der Titel des Romans es vermuten lässt, spielt der Roman an einem einzigen Tag. Wir begleiten Monsieur Ladmiral – ein 76-jähriger, ehemals erfolgreicher aber unbedeutender Maler, der sich aufs Land umweit von Paris zurückgezogen hat – auf seinem Weg zum Bahnhof, um seinen Sohn samt Familie abzuholen, die wie jeden Sonntag aus Paris zu Besuch kommt. Später an diesem Sonntag wird unangemeldet noch seine Tochter Irène in die kleine Gesellschaft platzen und alles gehörig durcheinanderwirbeln, bevor sie Hals über Kopf wieder verschwindet. Sonst passiert wenig. Die Stationen und Rituale dieses Tages stehen fest und werden peinlich genau eingehalten: Gemeinsame Spaziergänge, die kleinen Grenzüberschreitungen der Kinder, die Mahlzeiten natürlich, der von allen so geschätzte Mittagsschlaf. Und gerade dadurch gelingt es Pierre Bost, ein ganzes sich seinem Ende zuneigendes Leben auf den nur knapp 150 Seiten auf wunderbare Weise gegenwärtig zu machen. Die Angst vor Alter und Tod, die Angst vor dem Verlust der Eltern, die Enttäuschungen und Verletzungen, die Eltern und Kinder sich unvermeidlich wechselseitig zufügen. Die untergründigen – und natürlich unausgesprochenen – Spannungen, Ressentiments, Erwartungen, Hoffnungen, Eifersüchte und Konflikte: zwischen Vater und Sohn, Sohn und Tochter, Schwiegervater und Schwiegertochter, sogar zwischen Großvater und Enkeln. Die kleinen Verletzungen und Bitterkeiten, die man sich gegenseitig bereitet hat und bereitet. Und zugleich die Verbundenheit, deren Substanz als so unsagbar brüchig erscheint. Die falschen Rücksichtnahmen, die ins Schweigen führen. Die Sorge, dass der Tod bald kommt. Das unvermeidliche Abschiednehmen am Abend dieses Sonntags. Es werden vielleicht nicht mehr viele sein. Das Allgemeine im Besonderen – kann das in der Literatur des 20. Jahrhunderts noch gelingen? Es kann, wie uns dieser Roman beweist.

Pierre Bost: Ein Sonntag auf dem Lande. Deutsch von Rainer Moritz. Dörlemann Verlag 2013, 116 Seiten, 16,90 Euro