Reiner Stach : Ist das Kafka? 99 Fundstücke

Seine Vorliebe für Bier. Seine Abneigung gegen Impfen. Seine Angst vor Mäusen. Welche Turn- und Atemübungen er täglich absolvierte. Wieviele Mutmaßungen es über seine Augenfarbe gab. Dass der Eintrag im Reisepass genauen Aufschluss gibt: „Dunkelblaugrau“. Berichte über zwanghafte Bordellbesuche. Ein präziser Grundriss der Wohnung der Familie Samsa. Die Legende, dass Zuhörer einer Lesung in München ohnmächtig und hinausgetragen wurden, während der Dichter ungerührt aus seiner Strafkolonie weiter las. Die vielfältigen Verbesserungsvorschläge von Lektoren einer Jury 2007, denen die Broskwa-Skizze ohne Angabe des Verfassers vorgelegt wurde. Der charmante, doppelbödige Dankesbrief an seine Übersetzerin Milena Jesenská, die den Heizer ins Tschechische übertragen hatte, wie er seine kleine Geschichte und die Wahl der Übersetzerin abwertet und nebenbei Schwester Ottla anweist, sofort beim Buchhändler zwanzig Exemplare zu kaufen. Wie es drei kleinen Meraner Mädchen fast gelang, ihn spaßeshalber in den Fluss zu werfen. Dann der Millionencoup: Mit Max Brod einen Reiseführer namens „Billig“ herauszugeben, die Notizen auf dem Hotelpapier: „Wir übernehmen die Instruktion der Autoren, die Durchsicht ihrer Elaborate, Stichproben.“ Ein makabrer Aprilscherz, in dem er eine neue Behandlungsmethode für Tuberkolosekranke vorstellt, die auf Einsteins Relativitätstheorie basiert: Die Patienten sollen auf Schiffen, die nach Osten fahren, beständig zunehmen. Dass er sich in die Hausmeistertochter des Goethehauses in Weimar verliebt und Postkarten schreibt. Wie gekonnt er Thomas Manns Unterschrift fälscht. Die verschollenenen Puppenbriefe, mit denen er ein Mädchen im Steglitzer Park tröstet, das seine Puppe verloren hat. Wie er den Hinweis von Korrektoren und Freunden ignoriert, dass die New Yorker Freiheitsstatue im Heizer kein Schwert in der Hand hält. Der verzweifelte Brief eines Doktor Wolffs, der Die Verwandlung seiner Cousine geschenkt hat und keinen Rat mehr weiß: „Nur Sie können mir helfen. Sie müssen es; denn Sie haben mir die Suppe eingebrockt. Also bitte sagen Sie mir, was meine Kusine sich bei der Verwandlung zu denken hat.“ Und vieles mehr.
Wer sich für das Universum Franz Kafka interessiert, muss Stachs philologische Asservatenkammer unbedingt betreten.

Reiner Stach, Ist das Kafka? 99 Fundstücke. Fischer Verlag, 19,99 €