Sherwood Anderson : Winesburg, Ohio

Ein Klassiker der amerikanischen Literatur ist in der fulminanten Neuübersetzung von Eike Schönfeld neu zu entdecken. 21 lose miteinander verbundene Geschichten, in denen jeweils eine Figur aus der fiktiven Kleinstadt des Mittleren Westens im Mittelpunkt steht. Allen Figuren gemeinsam ist, dass ihre Versuche auszubrechen und ihrem Leben eine neue Richtung zu geben, zum Scheitern verurteilt sind. Ihre Wut, Verzweiflung und Resignation, ihre geheimen Leidenschaften, Abgründe und Obsessionen treten gleichsam auf der Stelle. Als wären sie alle in einem schrecklichen Traum gefangen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Das liest sich dann so: „Enoch Robinson glückte nie etwas. Er konnte recht ordentlich zeichnen, und in seinem Gehirn verbargen sich viele seltsame Gedanken, die durch den Malerpinsel womöglich zum Ausdruck hätten kommen können, doch er blieb immer ein Kind, was für seine weltliche Entwicklung von Nachteil war.“ Oder so: „Belle Carpenter hatte dunkle Haut, graue Augen und dicke Lippen. Sie war groß und kräftig. Wenn sie düstere Gedanken überfielen, wurde sie wütend und wünschte, sie wäre ein Mann und könnte mit den Fäusten jemanden schlagen.“ Der Leser ahnt nach wenigen Zeilen, dass es mit beiden, wie mit den meisten der Figuren, kein gutes Ende nehmen wird. Weder Enoch Robinson noch Ellen Carpenter wird es gelingen, für das, was sie bewegt, einen Ausdruck zu finden, der ihnen einen Ausweg eröffnen würden aus der Gefangenschaft, die sie selber sind. Der Leser betritt eine Traumlandschaft, zeitlos, im Stillstand begriffen, wie unter einem Bann, der durch kein Zauberwort aufzulösen ist. Als würde in Winesburg, Ohio seit 1919 die Zeit stillstehen.