Toni Morrison : Heimkehr

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Man mag versucht sein, Toni Morrisons Roman „Heimkehr“ angesichts des hohen Alters der Autorin mit der Erwartung zu lesen, es handle sich um ein sogenanntes Alterswerk. Weit gefehlt. Es sei denn, damit sei gemeint, ohne jeden Ballast, schnörkellos und leicht von der unendlichen Schwere des Lebens zu erzählen – was diesem Roman auf wunderbare Weise gelingt. Frank Money kehrt traumatisiert aus dem Koreakrieg zurück. Er hat seine beiden besten Freunde dort sterben gesehen und hat selbst getötet. Eingewiesen in eine psychiatrische Anstalt erreicht ihn die Nachricht, dass seine Schwester Cee in tödlicher Gefahr schwebt. Frank flieht und schlägt sich nach Atlanta durch, um seine Schwester zu retten, die das Opfer eines weißen Arztes geworden ist, der sie für medizinische Experimente missbraucht. Frank bringt die mit dem Tod kämpfende Cee in ihre Heimatstadt Lotus, Georgia; einen sonnenverbrannten und – wie sich herausstellt – nur scheinbar gottverlassenen Ort, aus dem beide einst geflohen sind: Frank in die Army und den Krieg, Cee in die Arme eines Taugenichtses. Wir werden Zeuge der rauen Hilfsbereitschaft und selbstverständlichen Solidarität einer Gemeinschaft von Frauen in Lotus. Dank ihrer Pflege kehrt Cee ins Leben zurück: „Es gab keinen Überfluss in ihren Gärten, weil sie alles miteinander teilten. (…) Sie übernahmen Verantwortung, für ihr eigenes Leben und für alles und jeden, wo auch immer sie gebraucht wurden.“ Lakonischer und glaubwürdiger kann man über vermeintlich so altmodische Werte wir Güte, Solidarität, Unterstützung und Hilfsbereitschaft nicht erzählen. Vielleicht sind sie die eigentlichen Heldinnen dieses Romans: Die Frauen von Lotus, die – wenn sie dereinst ihrem Schöpfer unter die Augen treten – sich von diesem nicht vorhalten lassen wollen, sie hätten ein müßiges Leben geführt. Für die nur die eine Frage zählt: „Was hast Du getan auf Erden?“ So ist dieser schmale Roman die Geschichte einer (doppelten) Rettung, einer Befreiung vom Alpdruck der eigenen Herkunft und Vergangenheit – und eines nicht erhofften Wiedereintretens ins Leben. Zugleich eine Hommage an die praktische Güte und Solidarität einer Gemeinschaft afroamerikanischer Frauen, denen keiner der im Roman auftretenden Männer auch nur das Wasser reichen kann. Erst die Bürgerrechtsbewegung wird ihnen eine Stimme verleihen, die über Lotus hinaus zu hören sein wird. Und indem Toni Morrison von ihnen erzählt, legt sie unbefangen und unbeirrt ein weiteres Mal Zeugnis ab von der Kraft der Literatur.

Toni Morrison: Heimkehr. Rowohlt-Verlag 2014, 160 Seiten, 18,95 EUR.