Vladimir Nabokov : Vorlesungen über westeuropäische Literatur

Wir kennen ihn als Meistererzähler, als den Autor von Lolita, von Ada, Pnin oder Erinnerung, sprich. Was einige nicht wissen ist, dass der russische Romancier und leidenschaftliche Schmetterlingsjäger nach seiner Flucht aus Europa einen Großteil seines produktiven Schaffens, immerhin fast zwanzig Jahre, an amerikanischen Universitäten verbrachte. Von 1941 bis 1948 gab er Sprachkurse und hielt Seminare zu russischer Literatur an der Stanford-Unviersität. 1948 wurde er als außerordentlicher Professor für slawische Literatur an die Cornell-Universität berufen. Die Kurse litten zunächst darunter, dass es in Cornell kaum jemanden gab, der Russisch konnte. Man konnte dort zwar russische Literatur, nicht aber die russische Sprache studieren. Zum ersten Seminar kam nur einer, dann fünf und nach Wochen trudelten zehn Studenten ein. Um der Misere abzuhelfen, bot ihm die Univeristät die Übernahme eines Seminars namens „Meister des europäischen Romans“ an. Nabokov griff zu und das Seminar wurde zum Renner. Studenten aller Fakultäten strömten in seine Vorlesungen, drängelten sich auf den Rängen, nur um zu hören, was dieser Professor mit dem russischen Akzent zu sagen hatte, wie er die Werke von Proust, Joyce, Flaubert, Tolstoj oder Kafka zum Leben erweckte, obwohl er alles akribisch vom Blatt las. Wie schaffte er das? Nabokov verachtete kanonisiertes Vorwissen, Hilfskrücken, die Literatur als Ausfluss psychoanalytischer oder sozialpolitischer Aussagen betrachten. Er nahm jede Zeile, jedes Wort, jedes Satzzeichen ernst und förderte mit detektivischem Scharfsinn und Detailversessenheit Interpretationen zutage, die bis heute ihresgleichen suchen. Eben diese Genauigkeit, die Nabokov der Gestaltung eigener sowie der von ihm favorisierten Romane abverlangte, forderte er auch vom idealen Leser: „Bei der Literatur sollte man auf Einzelheiten achten und sie liebkosen. Am Mondschein der Verallgemeinerung gibt es nichts auszusetzen, solange man vorher die sonnigen Nichtigkeiten des Buchs sorgfältig zusammengetragen hat.“ Selbst, wer nicht jedes seiner besprochenen Werke kennt, es ist ein intellektueller, sinnlicher Genuss, sich den Stadtplan von Dublin mit den Wanderrouten von Blooms und Stephens vorzulegen, ein plastisches Bild von der Möblierung in Mansfield Park, der Fassade von Dr. Jekylls Haus oder den Grundriss der Wohnung Samsa zu erhalten und sich von Nabokovs Lesarten verzaubern zu lassen.

Vladimir Nabokov: Gesammelte Werke. Band 18: Vorlesungen über westeuropäische Literatur. Hrsg. von Dieter E. Zimmer, 784 Seiten, Rowohlt Verlag Berlin, 38,- EUR.