Wilhelm Genazino : Idyllen in der Halbnatur

Manchmal fürchte ich mich davor, ein neues Buch von Genazino aufzuschlagen. Ich finde mich in der Vermurkstheit seiner Figuren gespiegelt, werde eine Zeitlang für die Prosa der Verhältnisse unbrauchbar und die Bücher anderer Autoren erscheinen mir lange Zeit als zu plüschig. In den hier versammelten Prosastücken, Reden und Aufsätzen geschieht etwas Anderes und durchaus Gewagtes: Genazino erklärt seine Texte und ihre besondere Wirkung. Neben blitzgescheiten Essays über Kafka, Kleist, Strindberg und Stifter, erhalten wir aus seinen Bamberger Vorlesungen psychoanalytische Einblicke in Szenen, Motive und Krisen seiner Schreib(t)räume. Wir erfahren, weshalb er sich in der frühen Abschaffel-Trilogie der „Großgruppe der Angestellten“ annimmt; warum das Komische in den späteren Romanen (Ein Regenschirm für diesen Tag und Die Liebesblödigkeit) notwendigerweise unentscheidbar wird. Genazinos messerscharfe Analysen kreisen um die Dialektik des Verstehens und Nicht-Verstehens, um die Gleichzeitigkeit des Sehens und Nichtsehens. Sie zeigen, wie sich plötzliche Erlebnisverlassenheit und Langeweile in ihr eigenes Narkotikum verwandelnd selber wieder vertreiben können.
Auf ihrem schmalen Grat zwischen Wahn und der Gesamtmerkwürdigkeit des Lebens beschreiben Genazinos Erzählfiguren die Bruchbudenhaftigkeit unserer Ich-Konstitution. Dabei ästhetisieren seine Romane nicht etwa die Grundeinsamkeit des modernen Menschen, sondern halten sie unaufgelöst in der Schwebe über dem Abgründigen. Genau deswegen, so der Autor, „ist der Roman, den ich schreibe, so isoliert wie der, der ihn liest.“ In dem Widerstreit zwischen allgemeiner und individueller Wahrheit – Genazino nennt diesen Zusammenstoß die „eigentliche biografische Sensation“ – bleibt ungewiss, wer die Oberhand gewinnt. Gleich wie der Kampf ausgeht, Genazinos Literatur liefert etwas, das man als lesenswerten Beistand im Untröstlichen begreifen kann: eine Poesie der vertrödelten Zeit.
Wilhelm Genazino: Idyllen in der Halbnatur, 240 S., Hanser-Verlag, 18.90 € (D) / 26.90 sFR (CH) / 19.50 € (A).