Wilhelm Genazino : Tarzan am Main

Man könnte den neuen Genazino auch als das Ich-Buch seiner Frankfurter Jahre bezeichnen. Mit gewohnt ironischem Blick lässt der Büchner-Preisträger Erinnerungen an seine Zeit in der Satirezeitschrift Pardon, das jahrelange Pendeln zwischen Freiburg und Frankfurt Revue passieren. Er skizziert bekannte und unbekannte Menschen, lässt Frankfurt und seine Randbezirke und immer wieder die kleinen Verschrobenheiten des Älterwerdens hindurch spazieren, die, einmal wahrgenommen, den Leser nicht mehr loslassen. Der Irrsinn der Stadtplaner korreliert mit den Lebensläufen derjenigen, die vom Weg abgekommen sind. Und doch gibt es einen neuerlichen, schärferen Ton: Randständige, Obdachlose, Alkoholiker und Radfahrer(!) kommen nicht mehr so gut weg. Genazino ist nicht mehr bedingungsloser Schutzpatron aller Abschaffels und Tagträumer. Er ahnt, dass die Gnade des Beobachterstandpunkts fragil, die grenzenlose Navigation und (verlegerische) Beschleunigung bedrohlich ist. Der lesende Begleiter spürt auf Schritt und Tritt, dass sich das Erzählen, und sei es das Erzählen der Nicht-Erzählbarkeit auf dünnem Eis bewegt, dass das luftig-lockerer Nacheinander von exemplarischen Miniaturen harte, kompositorische Arbeit ist. Ein nach Sandelholz duftender Inder, der ihm auf einem Spaziergang entgegen kommt, hintendrein ein junger Mann, der sich den Oberlippenbart kämmt. Ihr Blick auf eine Gruppe Schüler, die verlegen wirken, weil einer seine Freundin knutscht. Ein Cafe gerät in sein Blickfeld, in dem sein Freund Walter häufig sitzt, der wiederum aus einer unbeheizten Wohnung gern aus dem Fenster schaut, und zum Beispiel Elvira grüßt, die eine lange schwierige Tanzausbildung absolviert, „denn auch Elvira ist schwierig und hat Sonderwünsche, die ihr das Leben zusätzlich erschweren“. Der Autor biegt ab und beschließt, weil ihm der Spaziergang geglückt erscheint, im Winkel von nahezu neunzig Grad auf eine Bäckerei zuzugehen, um sich ein Stück Torte zu kaufen. Das Staunen über die Frage, ob er das Tortenstück vorzugsweise aufrecht oder liegend haben möchte. Wie kein anderer versteht es Genazino, das vermeintlich Ziellose seiner favorisierten Fortbewegung, das Vagabundieren seines Erzählfadens und die Richtungswechsel mit geometrischer Exaktheit zu vermessen. Wer einen Spaziergang unternimmt, weiß nicht, worauf er trifft, was ihm widerfährt, was ihm ein- und zufällt. Wer ihn wie Genazino zu Papier bringt, legt den Faden so aus, dass sich der Leser an Orten wiederfindet, die ebenso plausibel wie abwegig erscheinen. Wo könnte man sich heutzutage schöner verlaufen?

Wilhelm Genazino: Tarzan am Main. Spaziergänge in der Mitte Deutschlands. Hanser Verlag, München 2013
139 Seiten, geb., 16,90 Euro.