Wolfgang Büscher : Ein Frühling in Jerusalem

Der Ort, wohin uns Wolfgang Büscher nimmt, ist kein geografischer Ort. Jerusalem ist Sehnsuchts- und Erlösungsziel par excellence, ein Ur-Topos antiker, griechischer, babylonischer, jüdischer, christlicher, osmanischer, armenischer, palästinensischer wie islamischer Hegemonie. Abend- und Morgenland wohnen Wand an Wand. Jerusalem bedeutet „Stadt des Friedens“. Aber es ist kein Frieden dort. Es herrscht Waffenstillstand, jederzeit aufkündbar, hochexplosiv. Ein Schmelztiegel aus Argwohn und Ressentiments, aus Demütigungen und Urfehden. Und doch, am Rande der Altstadt, unweit des Jaffators, gibt es die Mamilla Mall. Hier sitzen orthodoxe Juden und Christen neben Arabern und schlürfen vom Shopping erschöpft, friedlich ihren café au lait, eine Simulation, wie es es sein könnte. Das alte Jerusalem hingegen stirbt; der wiederkehrende Refrain des armenischen Urgestein Charly Effendi lautet: „There‘s no joy in this city“. Die radikale Hamas schürt das Feuer und die israelischen Siedler stehen Gewehr bei Fuß, kaufen über Umwege ganze Straßenzüge auf.
Doch wie betritt man eigentlich diese Stadt? Wie entlockt man seinen Bewohnern die ungeschrieben Geschichten, das verborgene Wissen um Schleichwege? Wie deckt man die Mesalliancen dieser Stadt auf? Und wie erzählt man das? Wolfgang Büscher nimmt sich zwei Monate Zeit. Er lässt sich treiben, mitreißen vom Chaos der Gassen und Basare. Er lauscht den Touristen, dem Lärm, der Stille, er lauscht dem Flüstern der Mauern, er zieht orthodoxe Juden, Pilger, Mönche und Araber ins Gespräch und manchmal scheint es, als sei der Reisende selbst ein unsichtbarer Zeuge, als entstünde diese kunstvolle Literatur en passent. Der Leser wird sich nicht nur bald in Jerusalems Altstadt auskennen. Es wird ihm gleichzeitig so vorkommen, als sei er schon dort gewesen und als müsse er im nächsten Frühjahr unbedingt nach Jerusalem!

Wolfgang Büscher: Ein Frühling in Jerusalem. Rowohlt Verlag, Berlin 2014,
geb., 233 Seiten, 19,95 EUR