Anna Katharina Hahn: Am Schwarzen Berg

Über Tage

Anna Katharina Hahn geht hinein. Mit zarter Präzision schürft sie in den Stuttgarter Vorstadtgärten, zwischen Carports und Buchenhecken. Sie geht in die guten Stuben, öffnet das Innerste, die Schubladen, die Badezimmerschränke, Dachböden, inventarisiert die Dekoration des Banalen.
Peter, das von seinen Eltern und den kinderlosen Nachbarn überfürsorgte Einzelkind, auf dem alle nicht-erfüllten Hoffnungen der leiblichen wie der Zieheltern ruhen, will keine Karriere, sondern alles anders machen: mehr Zeit mit seinen beiden Söhnen verbringen, deren Einschulung und Stuttgart 21 verhindern. Als seine Frau Mia ihn daraufhin mit den Kindern verlässt, verliert der Logopäde die Sprache und verwahrlost.
Wie bereits in Kürzere Tage legt die Autorin den ganz normalen Wahnsinn, die feinen Adern jener biederen bürgerlichen Existenz frei, die beim Daimler schafft, Rasen mäht, im Schlossgarten Baumhäuser zimmert, grün wählt oder denkt, Kinder und Enkelkinder hat, doch nicht einmal im Kleinen die Fassade einer familiäre Idylle, eines geglückten Lebensentwurfs aufrecht erhalten kann. Es brennt und bröckelt an allen Enden. Es riecht nach Grillwürsten, Schweiß, Rückenschule und Alkoholproblemen. Und es gibt keine Rettung. Auch Bastelarbeiten oder Rote Grütze sind vergeblich. Unheilsverkündend, schattenhaft schweben Mörike und dessen wahnsinniger (fiktiver) Biograph Weinsteiger über dem Geschehen und stehen als Todesengel Pate. Die Biografien bäumen sich wie verwundete Riesen auf, schwingen unaufhaltsam ihre Morgensterne und hinterlassen eine Schneise der Verwüstung.
Man sollte – wir können Herrn Greiner hier ausnahmsweise nicht folgen – unbedingt wieder mehr Mörike lesen…und diesen großartigen traurigen Roman von Anna Katharina Hahn.