Kategorie: Essay

Vladimir Nabokov : Vorlesungen über westeuropäische Literatur

“Literature was not born the day when a boy crying “wolf, wolf” came running out of the Neanderthal valley with a big gray wolf at his heels; literature was born on the day when a boy came crying “wolf, wolf” and there was no wolf behind him. That the poor little fellow because he lied too often was finally eaten up by a real beast is quite incidental. But here is what is important. Between the wolf in the tall grass and the wolf in the tall story there is a shimmering go-between. That go-between, that prism, is the art of literature.”

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Elias Canetti : Das Buch gegen den Tod

“Alle versäumten Leben. Alle die nicht geliebt wurden, Alle die nicht lieben konnten. Alle die kein Kind bewachen durften. Alle die nicht in den Ländern waren. Alle die die Vielfalt der Tiere nicht kannten. Alle die nie unter fremden Sprachen horchten. Alle die nicht über Gläubigkeiten staunten. Alle die sich nicht mit dem Tod herumschlugen. (…) Alle die sich nie arm schenkten. Alle die sich nie betrügen ließen, und alle, die es vergaßen, wie sehr sie betrogen wurden. Alle die ihrer Überheblichkeit nicht den Kopf abschlugen, alle die nicht aus Weisheit lächelten. Alle die nicht aus Großmut lachten. Alle versäumten Leben.” (280)

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Marie-Luise Scherer : Unter jeder Lampe gab es Tanz

“Man rät mir zu mehr Unbedenklichkeit. Einfach losschreiben. Feinheiten später! Kunst erst beim vierten oder fünften Durchgang! (..) Ich blättere in den gepriesenen Büchern. Die Lockerheit der Meister ist bedrohlich, wie hingeschlenkert mörtellos gefügte Sätze. Einmal ließ ich mich ermuntern durch den Kapitelanfang eines vielleicht nicht allzu großen Meisters. Er lautete: ‘Singapur, 12 Uhr 30 Ortszeit, mir steckt der Flug noch in den Knochen.'”

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Jorge Semprun : Überlebensübungen

Der vorliegende Text ist Fragment geblieben. Jorge Semprun erinnert sich in ihm an seine Zeit in der Résistance bis zu seiner Verhaftung im September 1943. An die Befreiung aus dem Konzentrationslager Buchenwald. An die 10 Jahre (die er nicht ohne Stolz und Genugtuung als „eine Art Höchstleistung oder Rekord“ bezeichnet) in Madrid, die er unentdeckt im Untergrund überlebte. Er erinnert sich an die 20 Jahre seines Lebens, die im Rückblick als Überlebensübungen erscheinen. An die allgegenwärtige Gefahr, entdeckt und verhaftet zu werden, an den Triumph der Befreiung, und an die Folter, die die schwerste aller Überlebensübungen darstellte.

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Amos Oz / Fania Oz-Salzberger: Juden und Worte

Der Schriftsteller Amos Oz und seine Tochter, die Historikern Fania Oz-Salzberger (deren auch im Jüdischen Verlag erschienenes Buch Israelis in Berlin an dieser Stelle ebenfalls sehr empfohlen sei) stellen die Frage nach dem, was jüdische Identität und Kontinuität über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg ausmacht. Sie tun dies ausdrücklich als „nicht-religiöse Juden“, deren jüdische Identität sich nicht aus dem Glauben speist. Sie tun dies als „Atheisten der Bibel“ – in dem Bewusstsein, dass „wir Juden (…) dafür bekannt (sind), daß wir unmöglich etwas zustimmen können, was mit ‚wir Juden’ anfängt“. Der Titel dieses Buches ist also schon die Antwort.

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Gerhard Roth : Portraits

Was ist das Besondere, Wesentliche, Unverzichtbare dieser unter dem bescheiden anmutenden Titel „Portraits“ gebündelten Begegnungen mit Malern und Dichtern (Bruno Kreisky, Ivan Osim, Simon Wiesenthal einmal ausgenommen)? Ein spannendes Panoptikum von Momentaufnahmen, intimen Erinnerungen, Auftragsarbeiten, Einflüssen und Bekenntnissen des Schriftstellers Gerhard Roth? Die Begegnung eines gut präparierten Besuchers mit Max […]

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Joachim Kalka: Die Katze, der Regen, das Totenreich. Ehrfurchtsnotizen.

Wer glaubt, dass über Teufelsauftritte in der Literatur, über den orientalischen Schlendrian Kismet, über die Ästhetik des Rauchens oder Untote genug geschrieben sei, der lese bitte Die Katze, der Regen, das Totenreich und trete ehrfürchtig ein in die wundersame Untergrundbibliothek des Joachim Kalka. Das Buch zielt, wie Kalka bescheiden voranstellt, […]

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Herbert Molderings : Die nackte Wahrheit. Zum Spätwerk von Marcel Duchamp

Kann man Fachliteratur von Prosa jederzeit sauber trennen? Herbert Molderings aktuelle Veröffentlichung erschwert die Antwort: Es handelt sich natürlich um Fachliteratur, in welcher der Autor auf wissenschaftliche Publikationen und Erkenntnisse ebenso rekurriert, wie er seine eigene wissenschaftliche Beschäftigung mit Marcel Duchamp und dessen Werken anschaulich darlegt. Recherchiert man die Aktivitäten […]

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Patricia Görg : Handbuch der Erfolglosen. Jahrgang zweitausendundelf.

Fukushima, ein verirrter Pinguin, Karl-Theodor zu Guttenbergs Plagiat, Rettungsschirm für Griechendland, Gaddafis Regenschirm in Tripolis, Strauss-Kahn und Blicke zu unbekannten Sternen. Man muss etwas genauer hinsehen, durch das Triëdere von Patricia Görg, um aus dem feinen Textgewebe nicht etwa medienkritische Glossen, scharfzüngige Kolumnen über kalendarische Ereignisse des Jahres 2011 herauszulesen. […]

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Günter Grass : Was bereist werden muss. Iranische Skizzen

Diesen fast jugendlich-frisch daherkommenden und von unmittelbarer und unvoreingenommener Anschauung und Erfahrung gesättigten Reiseaufzeichnungen merkt man kaum an, mit welchen Widerständen der 84jährige Nobelpreisträger gerungen haben muss, bevor er auf persönliche Einladung des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad die Iran-Air Maschine von Hamburg nach Teheran besteigt. Drei Bedingungen hat der Autor seinen […]

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Peter Hamm: Pessoas Traum

oder “Sei vielgestaltig wie das Weltall!” Unmöglich dem Kenntnisreichtum und der Vielgestalt seiner zwischen den Jahren 2000 und 2011 entstandenen Aufsätze gerecht zu werden. Ob die mystische Seite des „multiplen Solitärs“ Pessoa, der Zeit seines Lebens unter Heteronymen für die Truhe schrieb, ob die europäische Rezeption des portugiesischen Lyrikers Camões […]

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