Elias Canetti : Das Buch gegen den Tod

„Die größte Anstrengung des Lebens ist, sich nicht an den Tod zu gewöhnen.“ In dieser Aufzeichnung aus dem Jahr 1967 verdichtet sich die ungeheure Anstrengung und Antriebskraft eines Schreibens, das stets ein Anschreiben gegen den Skandal des Todes war. Canetti hat Zeit seines Lebens den Plan zu diesem Buch nicht verwirklicht. Umso mehr gilt unser Dank den Herausgebern (und dem Verlag), die uns chronologisch geordnet eine sorgfältige getroffene Auswahl derjenigen Aufzeichnungen (oft einzelne Sätze nur, etwa zwei Drittel davon bislang ungedruckt) aus dem gewaltigen Textmassiv von Canettis Aufzeichnungen zugänglich machen, die weniger den Tod zum Thema haben als vielmehr gegen ihn gerichtet sind, und uns dergestalt nachvollziehen lassen, warum dieses Buch nicht geschrieben werden konnte. Als fertiges „Werk“ würde es selbst dem Tod sich überantworten, gegen den sich ein Schreiben auflehnt, das als solches darum zu keinem Ende gelangen darf. 1942 schreibt Canetti: „Du sollst nicht sterben (das erste Gebot).“ Eine Religion, die ihren Namen verdiente, müsste dieses Gebot an ihren Anfang stellen. Wenn Gott sich aber „aus Scham über den Tod aus der Schöpfung zurückgezogen hat“, dann muss der Schriftsteller – zerrissen zwischen Verzweiflung, Demut und Hybris – diese Aufgabe übernehmen. Indem wir diese sich über 52 Jahre (1942– 1994) erstreckenden Aufzeichnungen lesen (in kleinen Etappen, mit Verzögerungen und notwendigen Unterbrechungen) vollziehen wir mit, dass Schreiben (und vielleicht auch intensives Lesen) immer dies ist: das unendliche Hinauszögern des Todes. Die eben auf kein Ende gerichtete Verlängerung des Lebens von Satz zu Satz. Solange es einen nächsten Satz gibt, besteht die Hoffnung, dass es gelingen könnte, den Tod zu überlisten. Jedem, der unsere Irritation und unser Unbehagen über die Inflation publizierter „Einübungen ins Sterben“, die von Zeit zu Zeit die Buchhandlungen zu überschwemmen drohen, teilt, sei dringend empfohlen, diesem Buch einen prominenten Platz in der eigenen Bibliothek einzuräumen.

 

Elias Canetti: Das Buch gegen den Tod, 352 Seiten, geb., Hanser Verlag, 24,90 EUR