Henry James : Wie alles kam

Anfangs duften Henry James Geschichten nach Replik einer alten Welt. Nach englischem Teegebäck, serviert auf fein gewirkten Damastdecken mit gravierten Silberbestecken in Spiegelsalons jener fernen auf Zerstreuung bedachten angloamerikanischen Upperclass, deren Sorgen sich in der Wahl des nächsten europäischen Reiseziels oder des standesgemäßen Schwiegersohns zu erschöpfen scheinen. Auf den Folgeseiten jedoch reißen menschliche Abgründe auf, die jeden konventionellen Boulevardskandal hinwegfegen. Georgina Gressie, trotziges Früchtchen der New Yorker Society hält den naiven Marineoffizier Benyon auf Abstand und lässt nichts aus, um die Existenz eines gemeinsamen Sohns zu vertuschen. Als Benyon, für jede neue Beziehung unbrauchbar, Jahrzehnte später durch einen Zufall davon erfährt und die leibliche Mutter zur Rede stellt, lernen wir Georgina als verletzliches Opfer, als Marionette eines gesellschaftlich codiertern Machtspiels kennen. Der eigentliche Skandal besteht darin, niemals die Beherrschung zu verlieren. In der Titelgeschichte „Wie alles kam“ treibt Henry James die Maskerade der Diskretion auf die Spitze: Es ist die Tagebuchbeichte einer Anonymen, die um jeden Preis einen Freund und eine Freundin zusammenführen will, als sie erfährt, dass beide ähnliche Todesahnungen haben. Die Unpässlichkeit des einen wie des anderen erscheint ebenso aberwitzig wie die getroffenen Arrangements für eine Begegnung. Sie verfehlen sich über Jahre. Inzwischen mit dem Freund liiert, ist sie nun diejenige, die aus Eifersucht das einzige unausweichliche Zusammentreffen mit einer Lüge vereitelt. Schuldbewusst sucht sie ihre Rivalin auf und stellt fest, dass diese in der Nacht verstorben ist. Dass es zuvor doch noch zu einer Begegnung kam, ist nicht Trost, sondern ultimativer Trennungsgrund. Sie überlässt ihn dem „unfassbaren Umgang, den er pflegte“.
Henry James hier zum ersten Mal in deutscher Übersetzung vorliegende Erzählungen stehen Arthur Schnitzler und Marcel Proust in keinster Weise nach. Einmal begonnen, kann man sich der psycholgischen Präzision und dem Lockruf des Dämonischen nicht mehr entziehen.
Henry James: Wie alles kam. Übersetzt von Ingrid Rein. Geb., 480 Seiten, Manesse-Verlag, 22,95 EURO.