Marie-Luise Scherer : Unter jeder Lampe gab es Tanz

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Über der Entscheidung, eine Strickjacke blau oder bläulich zu nennen, kann sie eine ganze Nacht zubringen. Jeder Satz muss wie ein Handschuh sitzen. Und zwei gute Sätze an einem Tag sind ein Glück. In ihren erstmals als Buch vorliegenden Preis- und Dankesreden schaut sich die Spiegeljournalistin und Autorin Marie-Luise Scherer beim Schreiben über die Schulter. Wir erfahren von den Skrupeln ihrer Silbenarbeit, von den (biographischen) Hindernissen, von Vorstößen und Nuancen, die die Geburt flüssiger Sätze einleiten und von ihrer Schreibfurcht, die sich mitunter in Notizwahn flüchtet. Ob Ludwig Börne, Italo Svevo oder Heinrich Mann: Dem Bescheidenheitstopos, dass sie der Preisnamensträger kaum ebenbürtig, dass sie in den Schreibberuf „hineingeraten“ sei „wie ein anderer, der sich ursprünglich als Springreiter geträumt haben mag, in der Schafherde steckenblieb“, gilt es nicht nur zu misstrauen. Wenn es je gattungs- oder textsortenspezifische Grenzen gab, dann werden sie hier aufs Herrlichste hinweggefegt. Und wenn im Sprechen über die Schreibkunst nur selten ein Kunstwerk gelang, dann erleben wir bei Marie-Luise Scherer Zeile für Zeile, wie aus der Kontingenz von Wahrnehmungen, im Brennglas der Erinnerungen, wie aus den Poren der Zeit das Unwahrscheinliche, weil absichtslos Wirkende, wie große Literatur geboren wird.

Marie-Luise Scherer: Unter jeder Lampe gab es Tanz. Wallstein Verlag. 80 S., geb., 14,90 EUR.