Metin Eloğlu : Fast eine Geschichte

Zunächst sei diesem noch jungen Verlag gedankt, der einen, zumindest den meisten von uns deutschsprachigen Lesern, unbekannten literarischen Kosmos erschließt und zugänglich macht. Die Schauplätze der in diesem Band versammelten 19 meist kurzen Erzählungen, deren Mehrzahl aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts stammt: Strandcafés, Kaffeehäuser, Kneipen. Ihre männlichen Helden und Erzähler: Verlierer, Träumer, Trinker, Zerrissene, Verliebte, die uns von ihrem Scheitern, ihrem Elend, ihren Geldsorgen, ihrem Überdruss und ihrer Einsamkeit berichten, aber auch von ihren Träumen, Hoffnungen und Sehnsüchten, die sich nicht erfüllen werden. Fluchtpunkt all dieser Sehnsüchte: „Unser ominöses Istanbul“ (so der Erzähler in der Geschichte „Männlichkeit“), aus dem sie aus nicht genannten Gründen oft genug verbannt sind. Und – meist unerreichbare – Frauen natürlich, mit denen sie (meist unglückliche) Liebschaften pflegen oder sich freimütig erträumen. Für Klischees über die Türkei der 50er Jahre bleibt hier wenig Platz. Wenn der Erzähler der Geschichte „Ohrenklingeln“ sagt: „Viele unsere Vorhaben werden sich in Luft auflösen. Und wir werden darüber fassungslos sein und uns unfähig vorkommen“, dann fasst er damit bündig die bestimmende Erfahrung der „Helden“ aller 19 Geschichten zusammen. Und der Erzähler von „Der gnadenlose Spiegel“ benötigt nur drei Sätze, um ein ganzes Leben und das Lebensgefühl aller Erzählungen zusammenzufassen: „Der Himmel war stahlblau. In der lähmenden Hitze verlor alles seine Schönheit, Hässlichkeit und Bedeutung; und die stockende Zeit floss wie ein verschmutztes Gewässer durch die Menschen hindurch und vor ihren Augen davon.“ Da die Wirklichkeit das Glück nicht freigibt, bleibt nur die Fantasie. Deshalb eine Empfehlung an alle, die literarischen Entdeckungswillen nicht mit Exotismus verwechseln: Erkunden Sie die Bücher von binooki!

Metin Eloğlu: Fast eine Geschichte. Aus dem Türkischen von Ute Birgi-Knellessen
Deutsche Erstausgabe, 173 Seiten, 15,90 €.