Mirko von Holdt : Fakebook. 7 Tage online, 546 Freunde und keiner, dem das gefällt.

In der Redaktionssitzung wurde heftig darüber gestritten, ob dieses Buch überhaupt eine Besprechung verdient. Am Ende überwogen jedoch Erschöpfung und Betroffenheit über das Schicksal dieses jungen Autors, das sich über mehrere Seiten hinzieht und dessen schlichte Authentizität für sich spricht. Worum gehts? Mirko von Holdt, 24 Jahre alt, Krankenpfleger an der Berliner Charité, eine Woche Nachtschicht, eine Woche frei, hat viel Zeit. Zu seinen Eltern besteht kaum Kontakt. Die Mutter lebt im Saarland und leidet unter Sammelwut. Der Vater, Prominentenzahnarzt im rheinländischen Brühl, hat‘s nicht so mit Familie. Gesine, die ältere Schwester, nimmt wahrscheinlich Drogen. Weihnachten 2011 schickt ihm der Vater ein abgeschriebenes Dell-Notebook mit Handbuch und vorinstalliertem Windows XP. Ohne eine persönliche Zeile und ohne Maus. Mirko lässt das halb aufgerissene Paket monatelang unter seinem Bett liegen. Anfang Mai, er kann wiedermal nicht schlafen, klappt er das Notebook auf, blättert im Handbuch und entdeckt über das offene Wlan seiner Wohnungsnachbarin das Internet. Er googelt seinen Namen und wie man ein @-Zeichen erzeugt. Er stößt auf das unscharfe Foto einer Grundschulkasse, in der er gewesen sein soll. Er möchte das Foto scharf sehen und füllt brav alle Felder aus. Rasch ist er Mitglied bei StayFriends und Wer-kennt-wen. Seine Emailadresse lautet mirk0007@yahoo.de. Im Morgengrauen hat Mirko von Holdt sein Profil fertiggestellt, die einschlägigen Hobbys Fernsehen, Musik hören, Abhängen eingetragen. Im Raucherraum hatte er bereits von Facebook gehört. Die nächsten Tage und Nächte verbringt er damit, Freunde zu suchen. Erstaunlich, wieviele ungeahnter Cousins und Cousinen er wiederfindet, wieviele Klassenkameraden, Kollegen und etliche Unbekannte ihn nicht nur zum Freund haben, sondern in Erfahrung bringen wollen, was er gerade so macht. Es ist rührend zu lesen, wie offen Mirko mit dieser Frage umgeht, wenn er an seine Pinwand postet, dass er gerade popelt. Prompt erfährt er, dass das 123 Freunden gefällt. Innerhalb einer Woche gelingt es Mirko von Holdt über Anfragen mit 546 Menschen in Verbindung zu treten. Einige davon ganz in seiner Nähe. Gesine ist nicht bei Facebook. Er schreibt an Lorna aus Moabit, ob sie Lust auf ein Bier hat. Als Lorna auf seine Nachricht nicht reagiert, schreibt er an Irina, dann an Carlos und Miriam. Keine Reaktion. Schließlich postet er an seine Pinwand: „Wer hat Bock auf‘n Maibock?“ Doch auch hierauf erhält er zwölf Stunden lang keine Reaktion. Zugegeben, das Webcamfoto, das er hochgeladen hat, ist nicht sehr ansprechend. Vielleicht war auch der Ton seiner Anfrage etwas flapsig. Auch der bitter-ironische Hilferuf, das sei „wahre Freundschaft“, mag nicht gerade förderlich gewesen sein. Doch können wir diesem jungen Mann wirklich verübeln, dass er sich bei Facebook abgemeldet und ein solches Buch geschrieben hat? Nein. Nur eines können wir ihm nachrufen: Mirko, wir vermissen Dich.

Mirko von Holdt : Fakebook. 7 Tage online, 546 Freunde und keiner, dem das gefällt. 17 Seiten, Berlin 2012, Selbstverlag