Patricia Görg : Handbuch der Erfolglosen. Jahrgang zweitausendundelf.

Fukushima, ein verirrter Pinguin, Karl-Theodor zu Guttenbergs Plagiat, Rettungsschirm für Griechendland, Gaddafis Regenschirm in Tripolis, Strauss-Kahn und Blicke zu unbekannten Sternen. Man muss etwas genauer hinsehen, durch das Triëdere von Patricia Görg, um aus dem feinen Textgewebe nicht etwa medienkritische Glossen, scharfzüngige Kolumnen über kalendarische Ereignisse des Jahres 2011 herauszulesen. Patricia Görg rückt den Schlagzeilen und Bildern mit dichtender Schere zu Leibe, vergrößert die Ausschnitte, belichtet und montiert das Material zu einem apokalyptischen Panoptikum. Sie interessiert sich für die Oberflächen der Schlagzeilen und Nachrichtenbilder. Jeder Versuch hinter die Oberfläche der Ereignisse zu gelangen, muss scheitern. Etwa, wenn die Autorin eine Austellung des RAF-Zyklus von Gerhard Richter besucht, die verschwommenen Schwarzweißikonen betrachtet und eine Bedeutung zu entziffern sucht. Die Gesichter Ensslins und Meinhofs erzählen nichts über den Terror, „weil der Terrorismus die Gesichter nur durchquert, nichts als eine spezifische Unschärferelation zwischen ihnen und seinen Ideen hinterlassend.“ Skeptisch wohnen wir einem Vortrag über die Abschaffung des Ichs aus neurologischer Sicht bei, lesen von einem Oktoberfest in Peking, bei dem keine rechte Stimmung aufkommen will oder von Szenen aus Kaurismäkis Film Le Havre. Die Ausstellungs- und Kinobesuche, Installationen, Vorträge und Lesungen erscheinen in den Spektralfarben des Publikums aufgefächert. In diesen Mäandern von Brechungen und Perspektiven steht alles mit allem irgendwie in Verbindung. Wir lernen die Strömungen des Plastikmülls im Ozean kennen und wie uns der Plastikmüll allmählich einkreist, um wenige Seiten später die Poetik Peter Kurzecks als eine zu begreifen, die einen scheinbar uferlosen Stoff organisiert. Auch wenn der vielversprechende Titel „Handbuch der Erfolglosen“ möglicherweise nur verlegerische Gründe hatte: Man kann nur hoffen, was die Autorin in ihrem Apokryph verspricht: dass weitere 52 Kalenderwochen bald wieder beladen werden.

Patricia Görg: Handbuch der Erfolglosen. Jahrgang zeitausendundelf, Berlin Verlag. 19,90 Euro