Ralf Rothmann : Shakespears Hühner

Eine Frau sitzt im Café. Ihr letzter Tag in Paris. Sie beobachtet einen Mann, der ihr bekannt vorkommt. Als er aufbrechen will, nimmt sie ihren Mut zusammen und behauptet, dass sie ihn kennt, “aus einem Traum“. Der Mann dreht sich um und antwortet: „Ja, ich erinnere mich“ und verlässt das Café. Woher nimmt Ralf Rothmann diese Geschichten? Ein hünenhafter Leichenträger, der sich ein Reimlexikon kauft, um für einen Nachbarsjungen ein Katzengedicht weiter zu dichten. Ein weiterer Knabe, der seine Unschuld beinah an einer Frauenleiche verliert. Oder ein verbitterter Stasimajor, der bis zum letzten Atemzug akribisch seine Familiengeschichte verdreht. Wie keinem anderem gelingt es Ralf Rothmann aus solchen wie aus allen anderen abgründigen Begegnungen atmosphärisch dichte, spannungsgeladene, ja meisterhafte Erzählungen zu weben. Mit traumwandelnder Sicherheit wechselt er die Milieus, taucht ein in die Sprache von Pferdewirten, des Kohlenpotts oder in den Jargon verpickelter Teenies. In der Titelgeschichte „Othello für Anfänger“ erfahren wir von der Abiturientin Fritzi, dass Helden eigentich Hünen sind, die ihre finsteren Schicksale wie riesige Kreuze mit sich herumschleppen, und dass wir deswegen eigentich nur Hühner sind: „Wir machen ein unglaubliches Gegacker um lauter Kram – Prüfungen, Lockenstäbe, Handymarken, Geld – und wissen insgehem doch alle, dass es nicht das Wahre ist. Dass nichts das Wahre sein kann hinterm Hühnerdraht.“ Es ist die abschiedslose Einsamkeit dieses Erzählbandes, eine Verlassenheit in Potenz, in der sich nahezu alle Helden nach einer Begegnung sehnen, umdrehen oder zurückgelassen hinter Hühnerdraht wiederfinden.