Wilhelm Genazino: Die Liebe zur Einfalt

Gegen den Originalschmerz des Lebens den Kunstschmerz der Literatur zu Hilfe nehmen, ihn zu vertauschen und damit zu scheitern – das ist, was Genazino auf unnachahmliche Weise gelingt, wenn er mit Kinderaugen durch die Mannheimer Straßen der Nachkriegsjahre flaniert und die Poesie der kleinen Dinge in sich hineinspazieren lässt, von seinen aufgesparten Bildern „umgerissen wird“ oder vor lauter Enge und Trostlosigkeit die Augen verschließt und das leuchtende Firmament beschreibt. Großes und Trostloses – das weiß der Erzähler – wohnen eng beieinander. Es geht noch um mehr. Es geht um die Trauer über das endgültige Verschwinden der Eltern, das mit der Geburtsstunde des Dichters zusammenfällt. Es geht um Armut, um Hohn, um die Stufen der Einsamkeit, die hörbar wird, wenn Kinderspucke im Treppenhaus aufklatscht. Vor allem geht es um Scham. Nicht nur die Scham, die dem Kind aufgezwungen wird, weil seine Eltern in untätiger Starre verharren, sondern um die nackte Scham, die wir im Blick eines Tieres empfinden. Die Scham, die öffentlich wird, wenn der Schämende sich abwendet, um ein Käsebrot zu verschlingen: „Im Inneren der Scham verbirgt sich ein unnahbarer Persönlichkeitskern, der immer nur kaum entschlüsselbare Regungen hervorbringt: ein fortlaufendes Geschehen ohne Text.“ Genazino füllt diesen Text. Mit der Ahnung, dass das Lachen eine wahre Empfindung schützt, wird man nicht müde, jeden zweiten Satz zu unterstreichen, weil er einfach wahr und voller Liebe ist. „Die Liebe zur Einfalt“ – erstmals 1991 bei Rowohlt erschienen – liefert einen weiteren Beleg dafür, dass Robert Walser einen würdigen Nachfolger hat.