David Vann : Dreck

Ein Buch wie ein Faustschlag ins Gesicht. Galen, 22 Jahre, lebt mit seiner Mutter auf einer Walnussplantage in Carmichael, einem Vorort von Sacramento, im Central Valley, Kalifornien, „einer langgestreckten, heißen Senke Stumpfsinn“. Galen möchte gerne aufs College. Angeblich ist dafür aber kein Geld vorhanden. Das Verhältnis zu seiner Mutter: verhängnisvoll-symbiotisch. „Sie hatte ihn zu einer Art Ehemann gemacht, ihren eigenen Sohn. Sie hatte ihre Mutter, ihre Schwester und ihre Nichte rausgeworfen und diese Zweisamkeit geschaffen, und jeden Tag hatte er das Gefühl, es nicht einen einzigen weiteren Tag auszuhalten, und jeden Tag blieb er.“ Galen flieht in Esoterik und Transzendenzfantasien. Er liebt seine Cousine Jennifer, die ihre Macht über ihn kaltblütig ausnutzt. Auf einem Wochenendausflug in eine Hütte in den Wäldern eskaliert die Situation. Das Gravitationszentrum, um das alle Personen dieses Romans wie einander nie erreichende Himmelkörper kreisen, erscheint als pure Gewalt. Familiengeheimnisse brechen auf. Galen schläft mit seiner Cousine Jennifer – ungewollt vor den Augen seiner Mutter. Man streitet um das Familienvermögen. Zurück auf der Plantage eröffnet Galens Mutter ihm, dass sie ihn nicht nur hinauswerfen, sondern auch dafür sorgen wird, dass er wegen Vergewaltigung seiner Cousine im Gefängnis landet. Was folgt ist ein Kampf auf Leben und Tod zwischen Mutter und Sohn, wie er so in der Literatur noch nicht dargestellt worden ist. Jede antike Tragödie, jedes Shakespearesche Drama verblasst dagegen. Ein Kampf, in dem Kälte und Gefühllosigkeit in Selbstlosigkeit und Liebe sowie umgekehrt Sanftmut und Sehnsucht nach Transzendenz in die Bereitschaft zu töten umschlagen. In dem nichts ist wie es scheint und das waltende Verhängnis für die Beteiligten undurchschaubar. Unsere Geschichte ist mächtiger als wir. Besser, wir bilden uns nicht ein, wir hätten die Kontrolle über ein von uns selbst bestimmtes Leben. Wir ahnen beim Lesen: Es wird tödlich enden. Und: „Es würde keinen Frieden geben, niemals.“ Nichts, was Aussicht auf Rettung oder Erlösung von Schuld, Wut und Scham verspräche. Nicht einmal der Tod. Nicht einmal der Tod der eigenen Mutter. Es gibt kein Entrinnen, keine Erlösung oder Transzendenz. Was am Ende bleibt ist: „Dreck“, den Galen ins selbstgeschaufelte Grab seiner Mutter wirft. Dieses Buch erscheint wie ein Gegengift: Gegen jegliche Angebote, die ein besseres Leben oder Heilung versprechen: Familie, Liebe, Sex, Geld, Wissen, Religion. Ein sehr starkes allerdings.