Szilárd Rubin: Die Wolfsgrube

Nach „Kurze Geschichte von der ewigen Liebe“ und „Eine beinahe alltägliche Geschichte“ liegt mit „Die Wolfsgrube“ – dem Rowohlt Berlin Verlag sei gedankt – nun ein weiterer Roman des erst kurz vor seinem Tod 2010 (wieder)entdeckten ungarischen Autors Szilárd Rubin vor. Vom Verlag als „Kriminalroman“ bezeichnet lässt sich der erstmals 1973 in Ungarn erschienene Roman vordergründig durchaus als solcher lesen. Sechs Freunde treffen sich nach 15 Jahren in der Nähe der südungarischen Stadt Pécs wieder. Ergänzt wird die Runde von zwei Ehefrauen, einer Balletttänzerin und der Sprechstundenhilfe des Gastgebers. Wir befinden uns in den Siebziger Jahren, die es auch jenseits des Eisernen Vorhangs, der sich in diesem Roman als erstaunlich durchlässig erweist (es wird viel gereist: nach London, Schweden) gegeben hat. Es wird viel getrunken, noch mehr geraucht, die Herren bringen sich den anwesenden Frauen gegenüber in Stellung. Um die Party in Schwung zu bringen, entscheidet man sich „Mörder und Detektiv“ zu spielen. Aus dem Spiel wird Ernst. Als das Licht wieder angeht, liegt Bea, die Balletttänzerin, erwürgt am Boden. Beke, einer der sechs Freunde, Mitarbeiter der ungarischen Spionageabwehr, beginnt zu ermitteln. Es kommt zu nächtlichen Verhören, die – in Bekenntnisse verkleidet – nichts als Lügen zum Vorschein bringen, verdrängten Antisemitismus, Habgier, Schuld. Was sich vordergründig als kriminalistisches Kammerspiel in Agatha-Christie-Manier ausnimmt, ist zugleich ein Panorama des ungarischen Gulasch-Kommunismus der Siebziger Jahre. Nichts und niemand ist, was oder wer es/sie/er scheint. Jede Identität ist fragwürdig und brüchig, die je eigene zumal. Jeder hat etwas zu verbergen und ist verstrickt in Misstrauen, Hinterlist, Täuschung und verdrängter Schuld. Auf beinahe jeder Seite nimmt die Geschichte eine weitere unerwartete Wendung, die jede vermeintlich gewonnene Sicherheit wieder unterminiert. Wo keine Realität mehr verbürgt ist, kann und darf auch das Erzählen keine mehr leisten. Wir lesen atemlos in der Hoffnung, irgendwann festen Boden unter die Füße zu kriegen, und – wir gestehen es offen – sind am Ende doch nicht ganz sicher wirklich bis ins Letzte durchdrungen zu haben, wer wen aus welchen Gründen verraten, getäuscht, belogen, hinters Licht geführt hat, welche Rolle die in- und ausländischen Geheimdienste – wir befinden uns im Kalten Krieg – spielen, wer Doppelgänger von wem ist, warum gerade die Ermordung des eigenen Doppelgängers die eigene Identität in Frage stellt und wer welchen Teil der uns präsentierten Geschichte mit welchen Motiven und Interessen eingefädelt hat und uns hier erzählt. Sei’s drum. Krimiliebhaber mit Hang zur schlüssigen Auflösung werden bei der Lektüre ohnehin nicht wirklich auf ihre Kosten kommen. Noch einmal: Sei’s drum. Besteht die vornehmste Leistung großer Literatur, wenn wir eine solche Leistung einmal unterstellen dürfen, nicht im genauen Gegenteil?

Szilárd Rubin: Die Wolfsgrube. Kriminalroman. Aus dem Ungarischen von Timea Tankó. Rowohlt Verlag, Berlin 2013. 204 S., geb., 17,95 Euro.