Ungeschriebenes

Sasan Seyfi: Complicate your Life

Dieses Buch steht sich und seiner Veröffentlichung konsequent im Weg. Auf atemberaubende Weise gelingt dem Autor das, was er sagen will, auf eine Weise zu verkomplizieren, dass er es eben nicht aussprechen und zu Ende führen kann. Indem er die Etymologie seines Titels aufspürt, wird er zum radikalen Komplizen seines Diktums, von dem Seyfi annimmt, dass es uns retten könne: die Verkomplizierung des Seienden im Ganzen. Es darf also mit Spannung erwartet werden, ob der Autor dieses abendfüllende Werk je vollendet – an lebenspraktischen Verwicklungen mangelt es ihm offenbar nicht. Nur der geduldige Leser wird nach wenigen Seiten ahnen, dass Seyfi genau weiß, wovon er spräche, wenn er sich denn dazu entschließen würde, endlich damit anzufangen. Aber genau hier weigert sich Seyfi wortbrüchig zu werden. Fragmentarisch erhält der Leser eine Ahnung davon, was zu tun wäre, um sein Leben gründlich an die Wand zu fahren: Rechnungen liegen lassen, feste Arbeitsverhältnisse auflösen, 1001 Projekte anvisieren und nichts in Angriff nehmen, sich gründlich verzetteln, Ticks entwickeln und kultivieren. Seyfi distanziert sich jedoch ausdrücklich vom Gelingen im Scheitern. Wollte man diesem Buch eine Strategie abringen, dann diese: Du musst Dein Leben ändern lassen, nach dem Straucheln einfach Liegenbleiben und Lachen. © 2012 LesArten

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Dieter Tauber: Das wahre Leben

Generationen von misepetrigen Sprachwissenschaftlern haben uns mit fragwürdiger Berufung auf Nietzsche in den letzten fünf Jahrzehnten auf mehr oder minder verklausulierte Weise an der Nase herumgeführt. Sie versuchten uns weis zu machen, die Welt sei vor allem eins, nämlich „sprachlich verfasst“. Das „wahre Leben“ sei nichts weiter als ein waberndes Heer von Metaphern, die sich abnutzend als „wirkliche“ Begriffe konstituieren. In seiner mutigen Analyse liefert Prof. Tauber endlich den Nachweis, dass es sich hierbei um eine im Ganzen freudlose, lebensfeindliche, in ihrem Gestus totalitäre Entgrenzung des herkömmlichen Textbegriffes handelt, die das als Stubenhocker stigmatisierte Kind a posteriori zu bewältigen sucht. Der Stubenhocker – so Tauber – leidet in der Regel unter der Unfähigkeit seine Stube zu verlassen und endlich an die frische Luft herauszutreten. Er sieht das wahre Leben wie eine Karawane bunter Früchte an sich vorbeiziehen, hört die rhythmischen, zu Tanz auffordernden Klänge der Natur. Doch er bleibt wie gelähmt unter seiner Steppdecke liegen und steckt in einem Akt trotziger Weltabgewandtheit, ja Weltnegierung die Nase vorzugsweise in Bücher, die von der Welt dort draußen lediglich erzählen. Irgendwann kommt die Mutter rein und versucht ihn rauszuscheuchen. „Geh doch mal raus spielen, draußen tobt das Leben, die Sonne scheint. Tobias, Lukas und Meike (gelogen!) warten schon auf Dich.“ Doch der Stubenhocker verachtet sich, seine blasse Haut, die winzigen, hinter einer Kassenbrille geröteten Augen inzwischen so sehr, dass er dazu übergeht, eben jenes Draußen, seine leibliche Mutter, das Toben Gleichaltriger, ja, sogar das Licht mit noch mehr Verachtung zu strafen und zu hassen als sich selbst. Nun behauptet der Stubenhocker rotzfrech, das wahre Leben sei – wenn überhaupt – nur in den Büchern zu finden und zitiert Proust usw. Hätten die Mütter damals energischer durchgegriffen und mit fester Hand die Bengel an die Luft gesetzt, wäre uns jene als postmoderner Diskurs und Sprachkritik verbrämte Theoriedebatte vermutlich erspart geblieben, die den akademischen Apparat bis heute verstopft. Tauber hält mit dem wahren Leben freilich nicht hinterm Berg. Wir müssen gar nicht weit laufen: Auf jedem Rummelplatz, im Schützenverein, bei der freiwilligen Feuerwehr, in jeder Rostbratwurst wartet es und ruft uns. Es ist noch nicht zu spät. Wir müssen nur reinbeißen und das wahre Leben kosten. Wem das zu blöd ist, so Tauber, könne es auch mit Cabriofahren versuchen. © 2012 LesArten

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