Ursula Krechel : Landgericht

Was mit einem formalen Zweizeiler beginnt, die Zwangsversetzung des jüdischen Rechtsassessors Kornitzer in den Vorruhestand, ist Auftakt einer Zerstörung, die zeigt, wie ein deutscher Jude systematisch am Wiederaufbau seiner eigenen Geschichte und Existenz gehindert wird. Das Leben der Familie Kornitzer wird von Nationalsozialisten und den Nürnberger Rassegesetzen auseinander gesprengt. Die Eheleute Richard und Claire bangen um die Sicherheit ihrer kleinen Kinder Selma und George und schicken sie nach England. Richard ergattert durch Zufall ein Ausreisevisum nach Kuba. Seine „arische“ Ehefrau muss ihre prosperierende Werbeagentur abgeben und schlägt sich mittellos und krank durch die Kriegsjahre. Mit seiner Remigration 1948 als „Displaced Person“ nimmt Kornitzer einen nahezu aussichtslosen juristischen Kampf um Wiedergutmachung und Entschädigung im Nachkriegsdeutschland auf. In der hochverdichteten Montage aus Aktenauszügen, Schriftsätzen und atmosphärisch beklemmenden Erzählpartien setzt Ursula Krechel dem Remigratenschickal ein exemplarisches literarisches Denkmal. Die Hoffnung, die Familie endlich wieder unter einem Dach und um einen Tisch zu versammeln, scheitert an der Entfremdung, im Einzelnen wie im Ganzen. Die Kinder sind aus ihren Namen getreten, ihnen fremd geworden, sprechen eine andere Sprache und wollen nicht zurück; das neue, zugeteilte Haus am Stadtrand von Mainz eine seelenlose Hülle. Dass ausgerechnet wieder eingesetzte Nazirichter über seinen Fall verhandeln, Beweisanträge stellen und seine Klagen abweisen, erscheint wie der zweite, vielleicht noch perfiderer Akt, die Unerwünschtheit und Vernichtung seiner Person wie ihrer Geschichte, beraubt und besiegelt zu sehen. Claire stirbt vorweg. Kornitzer hinterher. Doch damit nicht genug. Sohn und Erbe Georg, für das Lexikon deutscher Emigranten nach seinem Vater gefragt, verweigert die Bestätigung der Lebensdaten. Vordringlich ist ihm die Frage, wer rechtmäßiger Erbe des Mainzer Hauses sei. So verschwinden die Akten im Archiv. Der rechtmäßigen Trägerin des deutschen Buchpreises Ursula Krechel verdanken wir ihre Wiederaufnahme und einen großen, würdevollen Roman über die Gewalt der Diaspora.
Ursula Krechel: Landgericht. Roman, Jung und Jung, Salzburg und Wien 2012, 495 Seiten, 29,90 Euro.