Alexander Kluge / Gerhard Richter: Nachricht von ruhigen Momenten

kluge_richter_nachricht von ruhigenMomentenWenn der unermüdliche Geschichtenfinder und -erzähler Alexander Kluge und der Maler (und – wie wir spätestens seit 2010 wissen – auch Fotograf) Gerhard Richter sich in Sils Maria treffen, um gemeinsam Silvester zu feiern, dann ließe sich – liefe dieses Bild nicht Gefahr jene Unschärfe vermissen zu lassen, um die nicht zuletzt es in diesem Buch geht – nicht ganz zu Unrecht von einem Gipfeltreffen sprechen. Nach Dezember (2010) liegt nun in einem wie immer äußerst sorgsam gestalteten Band der Bibliothek Suhrkamp eine zweite gemeinsame Arbeit der Beiden vor.

Die Texte Kluges erzählen von Zufällen, die ein Leben retten oder kosten können. Von den Brüchen und Lücken im vermeintlich linearen Verlauf der Geschichte, in denen diese wie ein Kippbild die Bedeutung ihres Geschehens ruckartig verändert. Von den kleinen und notwendigen Unschärfen, die ein zivilisiertes Miteinander von der allenthalben drohenden Barbarei unterscheidet. Und von den oft unbemerkt kleinen Unterschieden, die geeignet sind, einen wirklichen Unterschied zu machen.

Unklar wer hier spricht (Kluge? Richter? Kluge für Richter? Oder für beide?):

„Ich mache ein Foto. Darin ist ein Augenblick festgehalten. Die Haut des Bildes besteht aus einer dünnen Schicht, die man fast »nicht-materiell« nennen kann. Was das Bild festhält, die Belichtung, ist nicht stofflich wie eine aufgetragene Farbe oder ein Klecks Tinte. Diese »technische Spiritualität« ist bei digitalen Fotos verstärkt.

Zugleich kann man nicht von einem »kristallisierten Augenblick« sprechen. Der Zeitausschnitt, der im Foto der zäh dahinfließenden Wirklichkeit abgewonnen wird, ist kürzer als der Lidschlag eines Auges (»Augenblick«), auch kürzer als das Unterscheidungsvermögen, über welches das Auge verfügt. Ein Foto sollte »Ausschnitt« oder »Fragment« heißen. In der Serie oder Sammlung nehmen die Fotos untereinander Kontakt auf. ALLE FOTOS, DIE ES GIBT, FÜHREN NACHTS IHR EIGENES LEBEN.“

Die im Zusammenspiel von Richters Fotos und Kluges Texten entstehenden Nachrichten von ruhigen Momenten sind denn auch von solch untergründiger Unruhe erfüllt, dass sie einen noch lange beschäftigen.

Alexander Kluge, Gerhard Richter: Nachricht von ruhigen Momenten, Suhrkamp Verlag, gebunden, 135 S., 19,95 Euro.