E.M. Cioran: Notizen 1957-1972

Es ist der Herausgeberin Simone Boué und der herausragenden editorischen Übersetzungsleistung von Peter und Konrad Weiß sowie Verena von der Heyden-Rynch zu verdanken, dass dieser Kosmos Ciroanschen Denkens aus den Notizheften 1957 – 1972 für den deutschsprachigen Leser endlich vollständig zugänglich wird. Wir entdecken darin Cioran im Gefolge Nietzsches als Großmeister des Aphorismus, jener Denkform, die die Grenze linearen, abschlussorientierten Denkens, überhaupt die Grenze einer adäquaten Formulierung übersteigt. Wer vom Abgrund spricht, ist diesen längst hinabgestiegen. Für diesen sich fortwährend auslöschenden, durchstreichenden Autor, der Nietzsche nicht mehr lesen kann, weil er zu sehr seiner Vergangenheit angehört, scheint es keine Hölle zu geben, die er nicht abgeschritten hat, um davon ebenso bedrückend zynisch wie gelassen Bericht abzulegen. Feuerstürme, bei denen sich der Leser zuweilen wundert, dass sie sich nicht selbst ausblasen. Doch Cioran schreit gegen die Nötigung an, logisch zu sein. Er empört sich über die Geworfenheit der Existenz, auch wenn sie ihm gestattet, sich darüber hinwegzusetzen und die Wolllust des Nie-Geborenseins zu feiern. Er habe, schreibt Cioran 1978 an seinen deutschen Verleger Siegfried Unseld, „doch immer an den geistigen Wert des Misserfolgs geglaubt“. Welch vortreffliche Widerlegung!