Derek Walcott : Weiße Reiher

Woher kommen diese Gedichte? Von einer karibischen Insel? Aus Übersee? Wenn Dichtung genau das sei, was in der Übertragung verloren geht, so sind die Weißen Reiher von Derek Walcott, wie sie uns Werner von Koppenfels in dieser zweisprachigen Ausgabe zuführt, eine poetologische Widerlegung, die nicht Rhythmus und Reim, sondern dem Changieren Walcottscher Metaphorik ihren Vorzug gibt und dabei einen eigenen, wunderbaren Klang erzeugt. Ein Beispiel: „Nimm all dies hin im ausgewogenen Satz, / skulptierte Setzung, jede Stanze an ihren Platz gebracht; / lern, wie die lichte Wiese sich nicht schützt / vor bohrenden Reiher-Fragen und der Replik der Nacht.“ Die weißen Reiher sind Walcotts Seelenvögel, die um den Todgeweihten ihre Kreise ziehen. In der Nacht glimmen die Konturen ihrer silbernen Flugbahn nach. Sie schwingen sich auf und fliegen stolz und erhaben durch Zeit und Raum. Auf Erinnerungen an Orte, Freunde und Frauen verweilend, pfeilschnell durch die Mythologie und dann wieder drohend über Seen hinweg gleitend, heiß- und lebenshungrig auf Beute wie des Dichters Feder spießen sie „Insekten zuckend / wie Hauptwörter auf. Die Federspitze liest im Schreiben, schüttelt ärgerlich ab, was der Schnabel verwirft. / Auswahl ist, was die Reiher lehren (…) während sie, zielstrebig stumm, sprachlose Botschaft lesen.“
Die weißen Reiher fliegen, staksen, gleiten und sind immer schon da, wo eine Spur lesbar wird. Sie kommen aus Nirgendland und bejahen ihre blanke Ortlosigkeit. Es ist vieleicht ein karibisches Weiß, anders als das von Mallarmé, farbiger, das sie beschreiben. „Ihre Gassen kommen näher wie die Zeilen, die du liest, (…) / während die Wolke langsam die Seite bedeckt und sie / wird wieder weiß und das Buch kommt zum Schluss.“ Mögen sie den Dichter Derek Walcott ein weiteres Mal Lügen strafen, wenn er von seinem letzten Buch spricht.

Derek Walcott: Weiße Reiher. Gedichte, übersetzt v. Werner von Koppenfels. Hanser Verlag, 184 Seiten, 17.90 €.