Henry David Thoreau : Die Wildnis von Maine. Eine Sommerreise

Im Juli 1857 bricht Henry David Thoreau gemeinsam mit einem Freund zu seiner dritten Reise in die Wälder von Maine auf. Geführt werden sie von Joseph Polis, einem Indianer, der die eigentliche Hauptfigur des Textes ist: Ein Grenzgänger zwischen der alten und der neuen Welt, in der sogenannten Zivilisation ebenso zu Hause wie in den Wäldern; zudem unternehmerisch überaus ambitioniert und erfolgreich (mit Sicherheit erfolgreicher als Thoreau). Thoreaus zweijähriges Experiment, in einer selbstgebauten Blockhütte am Waldensee im Einklang mit der Natur zu leben und auf diese Weise auch zur Erkenntnis seiner selbst zu gelangen, liegt zu diesem Zeitpunkt schon über 10 Jahre zurück. Der uns jetzt in deutscher Übersetzung vorliegende Reisebericht existierte nur in einer Rohfassung, und der Herausgeber und Übersetzer Alexander Pechmann merkt in seinem Nachwort an, „dass der Bericht, trotz seiner eindrucksvollen und schönen Passagen, nur der Entwurf eines nie vollendeten Werkes ist“. Gerade aber das Unfertige dieser Aufzeichnungen macht ihren Charme aus. Wir begleiten die drei Reisenden in ein von der Zivilisation noch nahezu unberührtes Amerika, in dem das „Reisen über das unveränderte Angesicht der Natur“ noch den Charakter einer „Heldentat aus alter Zeit“ hat. Wir begleiten einen Thoreau, der sich des Eskapismus’ dieser kurzen Reise also durchaus bewusst ist. Eine Reise an Orte, an denen man „leben und sterben könnte, ohne je von den Vereinigten Staaten zu hören, die solch einen Lärm in der Welt machen – ohne je von Amerika zu hören“. Doch nicht Zivilisationskritik oder Lob des einfachen Lebens stehen im Zentrum dieser Aufzeichnungen; vielmehr der Wunsch, so viel wie möglich zu erfahren, zu lernen und in sich aufzunehmen von einer Natur, die keineswegs verklärt wird, in der jedoch etwas von der „alten Zeit“ aufgehoben scheint, die, wie Thoreau weiß, unwiederbringlich verloren ist.