Ein Abend mit Katharina Hacker im Literarischen Salon

Abends um acht. Vierzehn Stockwerke über den Dächern einer verregneten Stadt spiegelt sich die Innenbeleuchtung in den Panoramafenstern des Literarischen Salons wider, als könnte ein Sonnenuntergang den düsteren Horizont Hannovers illuminieren, einer Stadt mit vielen Verlorenen. Katharina Hacker setzt sich an den Tisch und liest aus Eine Dorfgeschichte. Kein urban verklärter Blick auf das schöne Landleben in den Siebzigern. Kein falsches Mitleid mit Nacktschnecken, sondern ein beherzter Griff zur Schere. Die Tiere sind Geschöpfe mit Ordnungsnummern. Katharina Hacker liest unprätentiös und frisch, als würde sie ihren gedruckten Text von Neuem entdecken. Bewunderswert, wie gelassen sie dabei ist. Später erfahren wir, dass sie eigentlich schüchtern ist, und wie befreiend das Bekenntnis einer anderen Autorin auf sie gewirkt habe: „Man darf schüchtern sein, aber man muss sich nicht danach richten.“ Bewundernswert, ja bezaubernd auch, wie souverän die Autorin auf die unbeholfenen Fragen einer ebenso nervös wie abwesend wirkenden Moderatorin eingeht und den Abend bestreitet. Auf die Frage nach dem Erlebnisbezug, der Gier nach biographischen Bezügen, jenes landläufige Generalressentiment gegen bloß Ausgedachtes in der Literatur, antwortet Katharina Hacker klar: Sie interessiert sich mehr für Figuren als für den vermeintlichen Tatsächlichkeitsmenschen dahinter. Manche Leser beschwerten sich gar, sie seien falsch dargestellt, obwohl sie gar nicht dargestellt worden sind. Die Stille und Ereignislosigkeit eines Tages stehen der Autorin näher als das blutige Geschehen. Sie will keine „Aufzugsbücher“ schreiben, Bücher, die einen aufsaugen und wieder ausspucken. Ihre Geschichten drängen sich nicht auf. Sie verstecken sich in den Fugen und Ritzen, in den sorgfältig gearbeiteten Aussparungen, den weißen, bedeutungstragenden Zwischenräumen wie in den Verschwiegenheiten der Dorfbewohner. Katharina Hacker vermag es, Schmerz und Erinnerungen, das Unausgesprochene hervortreten, aufblitzen zu lassen und doch ihr Geheimnis zu bewahren. Ihr gelingt, wie in Kafkas Josefine, mit tonloser Stimme zu singen – und es gab an diesem Abend niemanden, den ihr Gesang nicht fortriss.