Paul Celan – Gisela Dischner : Wie aus weiter Ferne zu Dir. Briefwechsel.

Gewiss. Die spärliche Korrespondenz Paul Celans mit der 20 Jahre jüngeren Germanistin Gisela Dischner besitzt nicht annährend die Intensität und Dichte seiner an andere Freunde wie Ilana Shmueli, Franz Wurm oder Ingeborg Bachmann gerichteten Briefe – wir sprechen von 30 diskreten Briefen an Dischner gegenüber 90 Briefen an den Dichter zwischen den Jahren 1964 und 1970. Aufschlussreich jedoch ist, was Celan seiner „lieben kleinen Ulla“ alles nicht schreibt. Kein Wort über die Goll-Affäre, keine Zeile über die vielfältigen Zerrüttungen, keine, die die psychiatrischen Klinikaufenthalte oder die Trennung von seiner Ehefrau Gisèle Lestrange auch nur im Geringsten andeutet. Es sind bewegte Zeiten. Der Antisemitismus im Nachkriegsdeutschland, der Stalinismus, Faschismustheorien, Marcuse, Adorno, Habermas, Dutschke und die Studentenrevolten in Paris und Berlin werden kontrovers verhandelt. Ungewohnt auch wie milde und nachsichtig Celan Dischners Interpretationsbemühungen seiner Gedichte goutiert. Nur einmal platzt ihm zumindest in einem Briefentwurf der antimarxistische Kragen: „Du fragst mich, wie Du zu mir sprechen sollest – als wüßtest Du‘s nicht! (…) Soll etwas anders werden, neu, unter den Menschen, dann: zeitunge nicht, Ausschitteerin, dann blackpowere nicht, gratis, auf Bier-oder Eisdeckeln.“ Nicht zuletzt ist es dem hohen Ethos der Genauigkeit Barbara Wiedemanns geschuldet, die diesen Briefwechsel hervorragend ediert, weitreichend kommentiert und damit auf ein zeit- und literaturgeschichtliches Dokumentniveau gehoben hat.
Paul Celan – Gisela Dischner: Wie aus weiter Ferne zu Dir. Briefwechsel, Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 280 Seiten, Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 280 Seiten. 26.95 EUR