Stephan Thome : Fliehkräfte

Thomes brilliant erzählter Entwicklungsroman bewegt sich vordergründig im verdrießlichen Milieu von verbeamteten grauen Universitätseminenzen, Ausschüssen und Berufungskomissionen, die mehrheitlich „den Poststrukturalismus als Epilog einer Verirrung“ ansehen und dessen Ausbreitung konziliant mit befristeten Juniorprofessuren abzirkeln. Am Ziel seiner akademischen Laufbahn angekommen, von der Studienreform und der Fernbeziehung zu Frau und Tochter zermürbt, hadert Hartmut Hainbach, Professor für praktische Philosophie an der Uni Bonn, mit einer gewichtigen Entscheidung: Soll er seine feste Stelle an den Nagel hängen und zu Maria nach Berlin ziehen oder sich ganz von ihr trennen? Statt eine Entscheidung herbeizuführen, tritt er die Flucht nach vorne an: Er setzt sich ins Auto und überlässt sich einer unbestimmten Reise in die Vergangenheit. Erinnerungen und Déjà-vus wirbeln unauflösbar mit den Optionen eines riskanten Neuanfangs und ohne Aussicht auf Klärung durcheinander. Er besucht seinen Ex-Kollegen Bernhard Tauschner in Spanien, dessen Traum vom radikalen Ausstieg und Endlichschreiben als Wirt einer Strandbar in Leinenhosen, Mokassins und vielen Mojitos verschwimmt. Im Keller seines Bonner Einfamilienhauses entdeckt er eine Kiste voller Schund-DVDs. Hainbach entdeckt, dass sich seine Frau über die Bonner Tristesse jahrelang mit Soaps betäubt hat, und aus dem Nichtstun nach Berlin fliehen musste.
Thome lässt die getriebene Irrfahrt seines Helden am Meer in Porto enden. Hainbach wirft das sinntriefende Geschwurbel seines chinesischen Doktoranden in die Mülltonne und überlässt sich den Strömungen der Wellen. „Vielleicht musste er dreitausend Kilometer fahren nur für diesen Moment. Um einmal in einem anderen Element zu treiben, ohne Ziel und ohne Angst.“
Stephan Thome: Fliehkräfte, Suhrkamp Verlag, gebunden, 474 Seiten, 22,95 EUR