Martin Walser : Das dreizehnte Kapitel

„Schloss Bellevue, sagte ich.“ Der erste Satz des Romans zeigt schon an, dass der Autor, der seinen Erzähler diesen Satz sprechen lässt, nicht gewillt ist Zeit zu verlieren oder große Umstände zu machen. Wenn sich zwei schon begegnen sollen, warum dann nicht gleich bei einem Empfang beim Bundespräsidenten oder genauer am Tisch der souverän die Konversation moderierenden Präsidentengattin. Der erfolgreiche Schriftsteller und bekennende „Zudringlichkeitsverfasser“ Basil Schlupp trifft dort auf die zunächst protestantisch-kühle Theologieprofessorin Maja Schneilin, der er wenige Tage später einen ersten Brief schreibt, aus dem in bester romantischer Tradition schnell ein „Briefabenteuer“ erwächst, in dem es bald ums Ganze geht: um Ehe und Freundschaft, Treue und Verrat, die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Liebe, Krankheit und Tod, Schreiben und Wahrheit und um die Fragilität oder Unmöglichkeit dessen, wodurch wir uns in diesem Leben legitimiert oder gerechtfertigt fühlen dürfen. Der Schriftsteller macht auch gar kein Geheimnis daraus, dass er eine „Versuchsanordnung“ bzw. ein „Experiment“ beabsichtigt, das die Adressatin seines ersten Briefes zu einen „Geständnis-Wettbewerb“ einladen soll, in dem es um nicht geringeres gehen soll als um Glaubhaftigkeit jenseits aller Rechtfertigung: „Nichts mehr bewerten, nur noch mitteilen.“ So ist es denn auch konsequent, wenn Maja Schneilin Karl Barth zum Kronzeugen aufruft, um das poetologische Programm dieses Briefabenteuers theologisch zu begründen (und damit die Grundgedanken ihres Autors aus dem Essay „Über Rechtfertigung“ literarisch fruchtbar zu machen): „Also: eine Rechtfertigung kann es nur geben, sofern weder vor Gott noch vor den Menschen eine Rechtfertigung gesucht wird. Es ist keine mögliche. Sondern die unmögliche Möglichkeit.“ Die beiden Schreibenden machen Ernst damit, ihre „Behauptungen und Rechtfertigungen so weit zu treiben, bis sie sich in ihr Gegenteil auflösen“ und sie zurücklassen „in einer Art Armut“, die eine Freiheit der Mitteilung freisetzt, die darauf vertraut, dass sich die sogenannte „Wahrheit“ erst jenseits des Rechthaben-Müssens enthüllt. Basil Schlupp muss am Ende des Romans, nach Majas Verschwinden, Ernst machen mit seinem Programm, den Schmerz von seinem Anlass zu trennen: „Heiße den Schmerz willkommen. Verhör ihn nicht. Frag nicht nach Gründen. Alle möglichen Gründe für das, was geschehen ist, sind, verglichen mit dem Geschehen, trivial. Gründe für etwas sind immer billig.“ Dass die Möglichkeit der Liebe in ihrer Unmöglichkeit begründet liegt, ist nicht nur ihr Antrieb, sondern auch der Antrieb eines Schreibens, das seinerseits auf Rechtfertigung, die immer zur Selbstgerechtigkeit tendiert, verzichtet. Nach der Lektüre dieses Romans sind wir uns deshalb auch sicher, dass von Martin Walser auch künftig keine Autobiographie zu erwarten sein wird. „Zum Glück!“ rufen wir aus und rücken im Regal den Grass ein wenig zur Seite, damit dort Platz entsteht für noch viele weitere Bücher dieses Autors, der uns mit stupender Leichtfüßigkeit vorführt, dass Literatur da anfängt, wo sie nicht dem Möglichen nachtrauert, sondern dem Unmöglichen sich anvertraut.
Martin Walser: Das dreizehnte Kapitel. Rowohlt, Reinbek 2012, 272 Seiten, 19,95 EUR.