Peter Sloterdijk : Zeilen und Tage. Notizen 2008 – 2011

17. August, Tübingen. In einer Stadt, die sich nicht die Mühe machen muss, zu gefallen, nehme ich mir jetzt doch die vielgepriesenen „Notizen“ von Peter Sloterdijk vor, obschon die vorangestellte Klarstellung enttäuscht: „Das Ausgelassene überwiegt das Beibehaltene im Verhältnis drei zu eins“. Obendrein von der angekündigten Glättung leicht angesäuert möchte man ausrufen: „Entweder ganz oder gar nicht!“. Doch dann beginnen 78 Stunden im Dauerlesejetlag als wären einem die Lider weggschnitten. Man kann nicht aufhören. Seine Tage haben noch mehr Stunden, sind angefüllt mit Terminen, Tagungen, Reisen, Interviews, Laudatien, Buchprojekten, Ideen, gewichtigen Eindrücken und einem schwindelerregnden Lektürepensum. Daneben das Schreiben dieser klugen, labyrinthartigen Notizen. Was macht er schon wieder in Abu Dhabi? Kaum Schlaf. „Die einen nehmen Tabletten, die anderen lassen das Licht an.“ Ja, ich will mein Leben ändern und ein Superlativ wie Sloterdijk, ein philosophisches Tier, ein extraterrestrischer Marathonläufer werden. Doch warum sehe ich mich schon bald als subalternen Blogwurm entlarvt? Als berufsmäßiger Nicht-Versteher, talentloser Verlierer und Versager, von denen sich Sloterdijk allerorten umzingelt wähnt? Von Leuten, die über ihre Verhältnisse leben, aber nicht fähig sind, eine Meinung oberhalb ihrer Einkommenstufe zu vertreten? In den Niederungen fehlt es einfach an Phantasie. Ein Hartz-4-Empfänger kann sich ein normales 300 Euro Abendessen im Borchardt einfach schwer vorstellen, eines, das den Autor überschlagen lässt, wieviele unliebsame Kollegen sich mit dieser Summe vergleichsweise in Mexiko aus dem Weg räumen ließen. Man wüsste gerne welche. Es sind sechs. Doch halt. Auch Kant, Hegel, Fichte, Nietzsche, Heidegger und Levinas erhalten en passent ihr „mangelhaft“ und kommen nicht ungeschoren davon. Gegen Derridas grenzenlose Gastfreundschaft frotzelt Sloterdijk mengentheoretisch: „Das klingt recht heiter, ja, sonntäglich freundlich, funktioniert aber nur, wenn ganz wenige kommen.“ Die ewig falsch zitierte, vom Feuilleton verzerrte sloterdijksche Geberkultur würde – mit Verlaub – höchstwahrscheinich auch nur gelingen, wenn nicht alle Betuchten auf einmal ihre Spendierhosen ausziehen.
Freilich hätte es den Notizen nicht geschadet, wenn der Autor einige hundert Klopfer auf die eigene Schulter gestrichen und statt ätzender Kollegenschelte etwas mehr Lob verteilt hätte, zudem Luftigeres, einen Eintrag wie „Habe meinen Regenschim vergessen“ oder Kafkas zitierter Tagebucheintrag zum Auftakt des 1. Weltkriegs: „Im Schwimmbad gewesen“.
Doch von Sloterdijk lernen, heißt sich anstiften lassen, weiter lesen, den Tag noch besser nutzen und den selbstgefälligen Spiegeln geringfügig misstrauen.
Peter Sloterdijk Zeilen und Tage, Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, gebunden, 639 Seiten, 24,95 EUR