Shahrnush Parsipur : Frauen ohne Männer

Wer Shirin Neshats Filmkunstwerk women without men bewundert hat, dem sei die gleichnamige Romanvorlage der iranischen Autorin Shahrnush Parsipur – in der ausgezeichneten Übersetzung von Jutta Himmelreich – dringend ans Herz gelegt.  Immer ist es ja das Herz, das einen in den Wahnsinn treibt. So auch Mahdokht, die Tochter des Mondes, die sich in einen Menschenbaum verwandelt und in einem Garten Wurzeln schlägt, mit Muttermilch begossen als Samenberg verweht und mit dem Wasser auf Reisen geht. Oder Munes, die Gedanken lesen kann und als Untote umherwandelt. Auf dem Weg nach Karadsch, einem kühlen Ort nördlich von Teheran, werden sie und Faezeh von LKW-Fahrern vergewaltigt, die wiederum am nächsten Baum ihr Ende finden. Oder die Prostituierte Zarrinkolah, die eines Tages nur noch kopflose Männer in ihr Zimmer treten sieht. Sie nimmt Reißaus und schließt sich einem flüchtigen Gärtner an, weil er nach sechs Monaten der erste Mann ist, den sie mit Kopf herumlaufen sieht. Farrokhlagha, die neue Besitzerin des Gartens, hat ihren Mann umgebracht. Sie nimmt die Zufluchtsuchenden bei sich auf, und gründet ein Dichterparadies.
Parsipur, inzwischen eine Grande Dame der iranischen Exilliteratur, vermag den Leser mit ihrer surrealistischen Kühnheit in den Bann zu ziehen. Allegorisch und pointiert erzählt sie das Leben von fünf Frauen, die im Iran der 50er Jahre ihrem entrechteten Schicksal nur transitorisch entrinnen, indem sie Zuflucht in einem magischen Garten suchen, aus dem sie jedoch bald wieder in eine lauwarme Mittelmäßigkeit entlassen werden: „Ihr Leben ist weder gut noch schlecht. Es geht schlicht weiter.“
Shahrnoush Parsipour: Frauen ohne Männer, Bibliothek Suhrkamp 1471, 134 Seiten, 19,95 EUR.