Bernd Cailloux : Gutgeschriebene Verluste

Wir betreten Schöneberg, den alten Berliner Westen, der im Windschatten der großen weltpolitischen Umwälzungen zum Biotop all jener Übriggebliebenen mutiert ist, die dem Treck nach Osten nicht zu folgen gewillt waren oder sind. Genauer betreten wir das Café Fler, das „Café der Übriggebliebenen“, „in einem einst bewegten, heute gastronomisch verkümmerten Viertel, ein unverändert belassenes Szenecafé im nüchternen hellen New-Wave-Stil der frühen achtziger Jahre“, Refugium für „Männer mit Drang in die Einsamkeit, die sich für ganze Abende sonstigen sozialen Zusammenhängen entzogen (…), um Schlimmeren anderswo zu entkommen“ (Kreative, Kunstschaffende, Freiberufler, Angestellte der Kulturindustrie). Lebensmittelpunkt auch für den Ich-Erzähler und Protagonisten dieses stark autobiografisch geprägten Romans, der – nicht unbedingt der sympathischste aller denkbaren Zeitgenossen – keineswegs widerspricht, wenn er beschrieben wird mit nunmehr 62 Jahren als: „nirgendwo hingelangt, nirgendwo dabei, ein Niemandsmann, eingedreht in die eschersche Selbstbezichtigungsspirale ohne Anfang und Ende, festgesessen in immergleiche Cafés, die immergleichen Stories mit den immergleichen rebellischen Zuspitzungen auf der Zunge, mehr oder weniger erledigt, übriggeblieben eben, tja, ein Mangel an Ernsthaftigkeit, an Dynamik, an Veränderungsbereitschaft, tja, an Ideen letztendlich, versteht sich“. Er zweifelt mittlerweile sogar daran, dass es die große Zeit in Berlin (Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger Jahre), in der er irgendwie stecken geblieben ist, tatsächlich gegeben hat. Einer der Übriggebliebenen der den Absprung wohin auch immer verpasst hat, der die, die den Absprung geschafft haben, keinesfalls beneidet, ein „Tresenleser“, „Märtyrer der Müßiggangs“, einer, der jede Reminiszenz an die glorreichen Zeiten der 68er spöttisch als Veteranengeschichten der mittlerweile Arrivierten entlarvt, zugleich aber hellsichtig genug ist, dass von seinem diffusen Gestus der Rebellion nicht viel mehr übrig geblieben ist als eine längst vergangenen Drogenexzessen geschuldete und über Jahrzehnte nachlässig verschleppte Hepatitis C-Erkrankung sowie ein „solipsistisches, von der Verantwortung weitgehend befreites Lust- und Laune-Leben“, das auf der Stelle tritt und selbst jeden Anspruch, jede Bereitschaft oder gar Fähigkeit zur Veränderung verloren oder preisgegeben hat. In seinem „Roman mémoire“ eines Alt-68ers – Stuben- und Caféhaus-Hocker, einseitig und ungerecht, in Liebesdingungen egoistisch, im Kern bindungsscheu, entscheidungs- und antriebsschwach, bequem, ohne Empathie, veränderungsresistent und, vor allem, gänzlich unpolitisch – erzählt Bernd Cailloux entschieden heiter von der allgegenwärtigen Gefahr, dass Zentrum und Peripherie unbemerkt ihre Plätze tauschen, von der Ambivalenz, dass Bleiben auch Übrigbleiben bedeuten kann, von der allgegenwärtigen „Einsamkeit als Gruppenerlebnis“, vom unbarmherzig perfide-schleichenden Vergehen der Zeit und (frei nach Kierkegaard) davon, dass das Leben vorwärts gelebt und rückwärts begriffen wird. Darin stecken Tragik, Heroik und sehr viel Komik, die am Tresen des Café Fler die Reise nach Jerusalem spielen.

Bernd Cailloux, Gutgeschriebene Verluste, 270 S., Suhrkamp, 21,95 €.