Rückwärts vorwärts schreibend geht Judith Hermann auf den Spuren eines Großvaters, den sie nie kennengelernt hat. Er starb sechs Jahre vor ihrer Geburt. Alles, was sie über ihn weiß, stützt sich auf wenige Dokumente: eine Heiratsurkunde, Mitgliedsausweise, Entlassungspapiere, eine Tätowierung der Waffen-SS auf der Innenseite seines Armes, Fotos, Geschichten vom Hörensagen, aus den Zwischenräumen familiärer Andeutungen, Verschwiegenheiten ihrer Mutter und Schwester. Selbst wenn es bröckelt und Verworrenes hervorbricht: Ihr Großvater bleibt bis zuletzt ein Cold Case, ein ungelöster Fall.
Ihr Rückgang führt sie zunächst nach Radom in Polen, wo der Großvater für die SS an der Errichtung und Auflösung eines Ghettos beteiligt war, anschließend nach Neapel und Pompeji, wo die Schwester als Archäologin arbeitet. Und schließlich stößt sie in der Rückschau auf einen namenlosen dänischen Ort, in dem sie vom Verschwinden ihrer Schwiegereltern erfährt, die sich verirren und nach zwei Tagen wieder am Küchentisch sitzen, als wäre nichts gewesen.
Es geht Judith Hermann um Erinnerung, um den unauflösbaren Zusammenhang von Verschüttung und Verdrängung. Es gibt kein Entrinnen. Die Erzählerin tastet sich schreiben und fragend voran und wird auf Schritt und Tritt von den Erinnerungen und Bruchstücken ihrer Herkunft heimgesucht. Es scheint erwiesen, dass sich die Leben der Großeltern über die Eltern hinweg in den Lebenswegen der Enkel zeigen und auf diesen wie ein metaphysisches Gewicht lasten: «Du und ich, wir sind die dritte Generation.» Sie spürt, dass das Leben ihres Großvaters einige Spuren in ihr hinterlassen hat, «unentzifferbar, aber deutlich» und fragt: «Was soll ich fühlen, und was ist die Geschichte?» Ihre Mutter kann oder will sich nicht erinnern. Ein schraffierter Zeitstrahl hilft nicht weiter. Geschichte wird hier nicht als lineare Zeitachse, sondern bestenfalls als vertikale Struktur lesbar. Ein Vulkanausbruch, plötzliche transiente globale Amnesie oder die Feststellung, dass man sich einfach nicht mehr zurechtfindet, brechen als vertikale Ereignisse über uns herein und lagern sich wie Sedimentschichten übereinander ab. Ihre Schwester beschließt, vor den Kindern nicht über das Dunkle in der Welt zu sprechen, «die unendliche Vielfalt aller möglichen Katastrophen einfach draußen lassen, fürs Erste. Solange, bis sie dir die Tür eintreten.»
In ihrem tektonischen Aufbau der Geschichte realisiert und verhandelt Judith Hermann nichts Geringeres als Derridas différance, die Dekonstruktion von Schreiben und Schrift, jenen Diskurs, wie er zwischen Gadamer und Derrida so (leider) nie stattgefunden hat. Es ist kein Zufall, dass ihr Schwager Carlo beim Braten eines Pollo al Limone an hermeneutischen Artikeln feilt. Dass die Schwester mit ihrer Familie ein Archiv bewohnt, dass sie als Archäologin in Pompeji Staub und Asche von zerbrochenen Amphoren und Scherben pinselt, Skelette freilegt, die vom Ausbruch des Vesuvs und dem pyroklastischen Strom überrascht wurden. «Sie schreibt, ich grabe», so stellen die Schwestern einander vor. Das altgriechische Verb γράφειν (gráphein) bedeutet ursprünglich sowohl „graben“ als auch „ritzen“ und „schreiben“. Wie Schreiben bei Derrida kein bloßes Abbilden von Rede, sondern ein Akt des Ritzens darstellt, das eine bleibende Spur hinterlässt, erweisen sich Zerfall und Verschüttung in Hermanns Roman als Voraussetzung für die Möglichkeit ihres Schreibens. In traditionell hermeneutischer Sicht verschmelzen Geschichte und Gedächtnis zu einer dynamischen Struktur, die sich durch tiefere Sedimente des Verstehens auszeichnet. Nach Gadamer bedeutet Verstehen, den eigenen Gegenwartshorizont mit dem geschichtlichen Horizont in Einklang zu bringen. Doch genau diese harmonische Horizontverschmelzung widerlegt Hermanns Roman. Während die historische Hermeneutik versucht, den Sinnzusammenhang verborgener Schichten durch Aufdeckung und Erhellung wiederherzustellen, führt Judith Hermanns Text vor, dass jede interpretative Anstrengung, jede Annäherung, ihre eigenen biographischen Voraussetzungen unterschlägt und den Gegenstand notwendigerweise verfehlt. Wir erfahren so gut wie nichts von dem Großvater. Jede Interpretation ist, wie sie weiß, eine Interpretation von etwas, das ihr vorausgegangen ist. Mit archäologischer Genauigkeit „gräbt“ sie in den Geh-Schichten ihres Textes, um das Ungesagte oder Verdrängte zutage zu fördern, seine Widersprüche aufzudecken, um letztlich das Scheitern dieses Projektes, die Illusion von Wahrheitsfindung und Sinnstiftung vorzuführen. Sie zitiert Schopenhauers Geschichte von den Stachelscheinen, die an einem kalten Tag Nähe suchen, erst zueinander und dann wieder voneinander wegrücken, weil die Stachel der anderen zu schmerzhaft sind. Die Autorin will ihrem Großvater näher kommen, sie lässt sich auf ihn ein. Sich auf ihn einzulassen, verringert den Abstand, den sie braucht, um ihn sehen zu können. Doch dieser Prozess ist schmerzhaft. Sie rückt wieder weg und geht auf Abstand. Wie zuvor befindet sich die Autorin in einem Narrativ ohne Sprache, führt Gespräche, die ein Gespräch verhindern oder findet sich schweigend in ein Gespräch vertieft. Die «Bergwerke unseres Kollektivs», in die wir hinabsteigen, um Wahrheit zu erlangen, werden zu Orten der Selbstuntergrabung. Bedeutung erweist sich in diesen Archivtiefen als kontingenter Aufschub, als unabschließbarer Verweisprozess von Zeichen auf Zeichen.
«Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr da bin», lässt die Erzählerin anfangs ihre Mutter fragen, und fügt, ohne auf eine Antwort zu warten, hinzu: «Ich hinterlasse nichts, es bleibt nichts von mir übrig.» Was Judith Hermann hier auf knapp hundertsechzig Seiten unternimmt, ist die schönste Donquichotterie gegen dieses Nichts. Es gibt keinen Nullpunkt. Keine Nulllinie. Man kann nicht unterlassen, gegen die Windmühlen des Vergessens anzureiten. Man kann nicht nicht schreiben. Das ist große Literatur!
Judith Hermann: Ich möchte zurückgehen in der Zeit. Roman. S. Fischer, Frankfurt a.M. 2026. 156 Seiten, 23 EUR