Michael Ondaatje : Katzentisch

Steht der Katzentisch (im Original: „The cat‘s table“) in den Speisesälen der feinen Gesellschaft für gewöhnlich außen vor und am Rande des vermuteten Hauptgeschehens, reserviert für die Kleinen, Unsichtbaren und weniger Betuchten, ist er an Bord der Oronsay, einem Passagierdampfer der Orientlinie, der aufregendste, ja magischste Ort der Welt. Mit dem elfjährigen Ich-Erzähler Michael, der sich an Bord Mynah nennt, steigen wir auf eine dreiwöchige Passage von Ceylon nach London, belauschen Gesprächsfetzen auf dem Promenadendeck, decken Verschwörungen auf und saugen alle Facetten dieses postkolonialen Passagierschiffs auf, dessen Mysterien hier wie ein Mikrokosmos von Joseph Conrad auf hoher See, von Hafen zu Hafen treiben. Es gibt einen geheimen Kräutergarten sowie einen streng bewachten Gefangenen unter Deck. Geheimagenten, ayurvedische Wahrsager und indische Artisten wandeln an Bord. Diese bewegende Passage wird die Lebenslinien von Mynah und seinen Gefährten Ramadhin, Cassius und Emily für immer zeichnen. Das Ziel dieser Reise, die Begegnung des Ich-Erzählers mit der fremden neuen Welt und seiner ihm fremd gewordenen Mutter, wird beinah so nebensächlich und unmaßgeblich wie die Offenbarung des Autors am Ende, dass es sich um ein fiktives autobiographisches Werk handelt.

Auf dieses Schiff, Ihr Leser! Nehmt Platz am Katzentisch und lasst Euch vom Kurs abbringen. Denn kaum einer kann kundiger die Gesten der Menschen um sich herum deuten, keiner die Machtverhältnisse in den Beziehungen und das Kolorit der Figuren phantastischer wechseln lassen als Michael Ondaatje.
Carl Hanser Verlag, München 2012, ISBN 3446238581, Gebunden, 300 Seiten, 19,90 EUR