Silke Scheuermann : Die Häuser der anderen

Die Häuser der anderen – das ist die Illusion (oder Angst), woanders könnte das andere, bessere Leben stattfinden. Das sind die imaginären Lebens- und Projektionsräume, in denen anderen das gelingt, woran wir scheitern. Da ist Gaby, die sich und ihre halbwüchsige Tochter als Putzfrau durchschlägt, die sich im Haushalt einer erfolgreichen (und schwangeren) Fernsehmoderatorin und eines angesagten Tierarztes festsetzt und unverzichtbar macht mit dem Hintergedanken, ihre Tochter mit dem Adoptivsohn des Paares zu liieren, um auf diese Weise endlich auch ein wenig teilzuhaben an Wohlhabenheit und Eleganz. Später erfahren wir beiläufig, dass eben jener Adoptivsohn den Tierarzt bestialisch ermordet hat. Da ist Dorothee, die nach dem Tod ihres Mannes immer mehr verwahrlost, zur Alkoholikerin wird und das neu eingerichtete und mit Designermöbeln (und teuren Weinen) vollgestopfte Haus von Luisa und Christopher, während diese nach Venedig reisen, nur deshalb hüten darf, weil Luisa wegen einer belanglosen Affäre mit Dorothees verstorbenen Mann dieser gegenüber ein schlechtes Gewissen hat. Später erfahren wir, dass eben jene Reise nach Venedig für Luisa und Christopher zum totalen Desaster wird. Und da sind Luisa und Christopher, die ihre Altbaumietwohnung in Frankfurt aufgegeben haben, um in das Haus am Kuhlmühlgraben zu ziehen, das Christopher jüngst von seiner Großmutter geerbt hat: „Vorn protzte man mit den Autos, hinten mit den Hunden – so war die Straße eben auch, und diese Ambitioniertheit gefiel Luisa und Christopher sehr gut, schließlich wollten sie genauso wenig auf der Stelle treten.“ Glücklich werden sie in dem Haus nicht, da helfen auch keine Professuren und akademischen Karrieren. Und zuletzt sind da (wohl einzigartig in der deutschen Literatur) Herr Eisen und Herr Emmermann, „ein ausgesprochen unattraktives Paar in den Fünfzigern“, engherzige Kleinbürger, die mit ausgeklügelter Bösartigkeit alle anderen Bewohner des Hauses tyrannisieren und alle heterosexuellen Hausmeister der letzten 200 Jahre auf die Plätze weisen, was uns zeigt, dass zur Miete zu wohnen wohl auch keine Garantie auf Glück darstellt und auch auf schwule Lebenskunst kein Verlass mehr ist. Silke Scheuermanns neuer Roman ist ein Desillusionierungsroman, der uns geläutert zurück lässt.