„Im Spätherbst des vergangenen Jahres war es mir ein ziemlich starkes Bedürfnis, weiter weg zu sein. Vier Monate lang war ich nonstop mit einem Roman auf Tour gewesen und willenlos meinem Terminkalender gefolgt, bis ich mich mehr und mehr wie die kleine Raute auf dem Ladebalken meines Mediaplayers fühlte.“ Also entschließt Jonathan Franzen sich, im wahrsten Sinne des Wortes abzuhauen: Nach Más Afuera („Weiter weg“) nämlich, eine von Menschen unbewohnte Vulkaninsel, achthundert Kilometer vor der Küste von Chile, dafür Heimat aber für Millionen von Seevögeln. Wir erfahren in dem Essay, der dem vorliegenden Band zugleich seinen Titel leiht, dass Franzen ein begeisterter Vogelbeobachter ist. MEHR »
Jonathan Franzen : Weiter weg
Andrzej Stasiuk : Tagebuch danach geschrieben.
„Der Sinn würde sich am Ende offenbaren, weil ein Sinn existiert. Deshalb ging ich jedesmal auf Reisen, immer weiter und weiter. Bis ans Ende des Kontinents, damit mir nichts anderes übrigbleibt, als umzukehren.“
Andrzej Stasiuk ist ein Herumtreiber, ein transsilvanischer Vagabund, ein beutegieriger Nomade in Absurdistan. Wo andere lieber nicht hinreisen, weil es zu gefährlich oder zu demprimierend ist, findet Stasiuk literarische Beute. Der Balkan ist sein Revier. Sein Vaterland ist Polen, wo der Kommunismus grau war. „Denn das Land war grau, denn die Gesichter waren grau, denn das Leben war grau und einen Scheiß wert, weil es keine zwanzig Sorten Chips und keinen erschwinglichen Tunesien-Urlaub gab.“ MEHR »
György Konrád : Über Juden
„1944 war ich ein ungarischer Jude, seit 1945 bin ich ein jüdischer Ungar.“ Die in diesem Band versammelten Aufsätze des ungarischen Schriftstellers und Essayisten György Konrád aus den Jahren 1986 bis 2010 gehen der Frage nach, was es vor und nach 1945 bedeutet hat und bedeutet, ungarischer Jude oder jüdischer Ungar bzw. Europäer zu sein. In den meist kurzen Texten macht Konrád eindringlich deutlich, dass Jude sein im Europa unserer Tage zunächst und immer noch heißt: Bedroht zu sein. Denn: „Auschwitz war für das Judentum der größte Denkzettel‚ Gleich, was Du von Dir denkst, du bist und bleibst Jude’, sagte Auschwitz.“ MEHR »
Peter Handke : Versuch über den stillen Ort
Ja. Mit dem „Stillen Ort“ ist tatsächlich jenes sprichwörtlich „stille Örtchen“ gemeint, das uns nicht nur erlaubt, unsere Notdurft zu verrichten, sondern das uns darüber hinaus auch in anderer Not Zuflucht und Asyl bietet, wenn die Zumutungen dessen, was wir Welt, Gesellschaft oder das Soziale nennen, überhand nehmen und wir einen Ort im Abseits benötigen, um (manchmal im eigentlichen Sinne des Wortes) hinauszutreten und wieder oder allererst zu uns selbst zu kommen. Auf dem Klosett des geistlichen Internats macht der junge Peter Handke die Erfahrung, dass es an diesem Ort erstmals um ihn (und niemand anderen) geht. MEHR »
Thomas Hettche : Totenberg
Woraus besteht ein Buch? Was heißt Schreiben? Und was bleibt davon? Ein Geröll von Worten, Erinnerungssplittern, Staub oder vielmehr Nichts? In seinem Erzählband Totenberg überliefert Hettche Gespräche mit Menschen, die ihr Leben mit Büchern verbracht haben. Es sind mehrstimmige, fragile Gespräche, in die sich Momente des Schweigens, Momente der Stille, autobiographische Szenen und ästhetische Diskurse fügen, stets gewahr seiend, dass diese Form der Literarizität eingehüllt im digitalen Raum längst einer versunkenen Welt angehört. So folgt er der Literaturprofessorin Christa Bürger in ihrem absinkenden Wohnhaus, unter dem sich ein Bunker befindet. Er besucht Monika Miller im Ernst-Jünger-Haus, die wirkt, als sei sie dort vergessen worden. MEHR »
Wilhelm Genazino : Idyllen in der Halbnatur
Manchmal fürchte ich mich davor, ein neues Buch von Genazino aufzuschlagen. Ich finde mich in der Vermurkstheit seiner Figuren gespiegelt, werde eine Zeitlang für die Prosa der Verhältnisse unbrauchbar und die Bücher anderer Autoren erscheinen mir lange Zeit als zu plüschig. In den hier versammelten Prosastücken, Reden und Aufsätzen geschieht etwas Anderes und durchaus Gewagtes: Genazino erklärt seine Texte und ihre besondere Wirkung. Neben blitzgescheiten Essays über Kafka, Kleist, Strindberg und Stifter, erhalten wir aus seinen Bamberger Vorlesungen psychoanalytische Einblicke in Szenen, Motive und Krisen seiner Schreib(t)räume. Wir erfahren, weshalb er sich in der frühen Abschaffel-Trilogie der „Großgruppe der Angestellten“ annimmt; warum das Komische in den späteren Romanen (Ein Regenschirm für diesen Tag und Die Liebesblödigkeit) notwendigerweise unentscheidbar wird. MEHR »
Gerhard Roth : Portraits
Was ist das Besondere, Wesentliche, Unverzichtbare dieser unter dem bescheiden anmutenden Titel „Portraits“ gebündelten Begegnungen mit Malern und Dichtern (Bruno Kreisky, Ivan Osim, Simon Wiesenthal einmal ausgenommen)? Ein spannendes Panoptikum von Momentaufnahmen, intimen Erinnerungen, Auftragsarbeiten, Einflüssen und Bekenntnissen des Schriftstellers Gerhard Roth? Die Begegnung eines gut präparierten Besuchers mit Max Frisch, der seinen „Montauk“ besser erinnert als sein Autor? MEHR »
Joachim Kalka: Die Katze, der Regen, das Totenreich. Ehrfurchtsnotizen.
Wer glaubt, dass über Teufelsauftritte in der Literatur, über den orientalischen Schlendrian Kismet, über die Ästhetik des Rauchens oder Untote genug geschrieben sei, der lese bitte Die Katze, der Regen, das Totenreich und trete ehrfürchtig ein in die wundersame Untergrundbibliothek des Joachim Kalka. Das Buch zielt, wie Kalka bescheiden voranstellt, auf ein „Zusammentreten des Beiläufigen und des eigentlich Unbeschreiblichen.“ In diesem ebenso waghalsigen wie feinsinnigen Reigen aus literarischen Fundstellen, Filmsequenzen und raffinierten Lesarten MEHR »
Herbert Molderings : Die nackte Wahrheit. Zum Spätwerk von Marcel Duchamp
Kann man Fachliteratur von Prosa jederzeit sauber trennen? Herbert Molderings aktuelle Veröffentlichung erschwert die Antwort: Es handelt sich natürlich um Fachliteratur, in welcher der Autor auf wissenschaftliche Publikationen und Erkenntnisse ebenso rekurriert, wie er seine eigene wissenschaftliche Beschäftigung mit Marcel Duchamp und dessen Werken anschaulich darlegt. Recherchiert man die Aktivitäten des Autors, vor allem in der Lehre, dann liegt die Vermutung nahe, dass wir hier die Ergebnisse seiner Vorlesungen und Seminare jüngeren Datums in kompakter Form erhalten. Um aber zur Eingangsfrage zurückzukehren: Es gelingt Molderings vortrefflich, die Fülle an Bezügen zwischen dem Künstler Duchamp und dessen Werk zur (westlichen) Kunst- und Geistesgeschichte der letzten 500 Jahre immer wieder neu herzustellen, MEHR »
Patricia Görg : Handbuch der Erfolglosen. Jahrgang zweitausendundelf.
Fukushima, ein verirrter Pinguin, Karl-Theodor zu Guttenbergs Plagiat, Rettungsschirm für Griechendland, Gaddafis Regenschirm in Tripolis, Strauss-Kahn und Blicke zu unbekannten Sternen. Man muss etwas genauer hinsehen, durch das Triëdere von Patricia Görg, um aus dem feinen Textgewebe nicht etwa medienkritische Glossen, scharfzüngige Kolumnen über kalendarische Ereignisse des Jahres 2011 herauszulesen. Patricia Görg rückt den Schlagzeilen und Bildern mit dichtender Schere zu Leibe, vergrößert die Ausschnitte, belichtet und montiert das Material zu einem apokalyptischen Panoptikum. MEHR »
Günter Grass : Was bereist werden muss. Iranische Skizzen
Diesen fast jugendlich-frisch daherkommenden und von unmittelbarer und unvoreingenommener Anschauung und Erfahrung gesättigten Reiseaufzeichnungen merkt man kaum an, mit welchen Widerständen der 84jährige Nobelpreisträger gerungen haben muss, bevor er auf persönliche Einladung des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad die Iran-Air Maschine von Hamburg nach Teheran besteigt. Drei Bedingungen hat der Autor seinen Gastgebern vor MEHR »
Peter Hamm: Pessoas Traum
oder “Sei vielgestaltig wie das Weltall!”
Unmöglich dem Kenntnisreichtum und der Vielgestalt seiner zwischen den Jahren 2000 und 2011 entstandenen Aufsätze gerecht zu werden. Ob die mystische Seite des „multiplen Solitärs“ Pessoa, der Zeit seines Lebens unter Heteronymen für die Truhe schrieb, ob die europäische Rezeption des portugiesischen Lyrikers Camões oder des katalanischen Dichters Espriu: Hamm hat eine Vorliebe für die stilleren Dichter und die, um die es still geworden ist. Er beleuchtet die Hintergründe des dunkelschönen, schmerzvollen Briefwechsels zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan pointiert wie die mehrstimmigen Briefe zwischen Peter Handke und Hermann Lenz. Frei von akademischem Wispern hat man beim Lesen dieser anregenden Aufsätze stets das Gefühl in guter Begleitung zu sein.






