Ivo Anderlik : Ludwig in the Sky with Diamonds. Ein Tagebuchfragment.

Wenn es wahr ist, dass jeder von jedem nur sechs Klicks entfernt ist, also jeder jeden über sechs Ecken irgendwie kennt. Wenn diese Wahrscheinlichkeit auch auf ihn statistisch zutrifft: „Wieso kann ich aus dem Abspann von vier, fünf, sechs Kurzfilmen keinen einzigen der aufgeführten Namen meinem Bekanntenkreis zuordnen? Kein Produktionsfahrer (der letzte Film zählte allein 35 Fahrer), keine Cutter-Assistentin, kein Skript-Editor, nicht einmal ein Kabelaufwicklerhelferlein, dessen Name mir auch nur im Entferntesten bekannt vorkommt. Und das waren alles deutsche Kurzfilme mit gigantischen Crews und die Abspänne waren sehr sehr lang.“ » Weiterlesen

Undine Ohnesorg : Gauloise toujours – Plädoyer für ein selbstbestimmtes Leben.

Eine der losen Maximen von Lesarten lautet: keine Verrisse. Die libertären Thesen jedoch, die uns hier um die Ohren knallen, können nicht unkommentiert stehen bleiben. Ein kurzer Blick auf die Autorenvita lässt erahnen, von welcher Warte zu uns gesprochen wird: „Undine Ohnesorg, Jahrgang 1973, lebt als freischaffende Künstlerin und Schriftstellerin abwechselnd in Aix en Provence und Berlin.“ Die ersten drei flotten Kapitel wollen uns die Insuffizienz unserer Arbeitswelt vor Augen führen. » Weiterlesen

Mirko von Holdt : Fakebook. 7 Tage online, 546 Freunde und keiner, dem das gefällt.

In der Redaktionssitzung wurde heftig darüber gestritten, ob dieses Buch überhaupt eine Besprechung verdient. Am Ende überwogen jedoch Erschöpfung und Betroffenheit über das Schicksal dieses jungen Autors, das sich über mehrere Seiten hinzieht und dessen schlichte Authentizität für sich spricht. Worum gehts? Mirko von Holdt, 24 Jahre alt, Krankenpfleger an der Berliner Charité, eine Woche Nachtschicht, eine Woche frei, hat viel Zeit. Zu seinen Eltern besteht kaum Kontakt. Die Mutter lebt im Saarland und leidet unter Sammelwut. Der Vater, Prominentenzahnarzt im » Weiterlesen

Günter Grass : Was bereist werden muss. Iranische Skizzen

Diesen fast jugendlich-frisch daherkommenden und von unmittelbarer und unvoreingenommener Anschauung und Erfahrung gesättigten Reiseaufzeichnungen merkt man kaum an, mit welchen Widerständen der 84jährige Nobelpreisträger gerungen haben muss, bevor er auf persönliche Einladung des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad die Iran-Air Maschine von Hamburg nach Teheran besteigt. Drei Bedingungen hat der Autor seinen Gastgebern vor » Weiterlesen

Sasan Seyfi : Complicate your Life

Dieses Buch steht sich und seiner Veröffentlichung konsequent im Weg. Auf atemberaubende Weise gelingt dem Autor das, was er sagen will, auf eine Weise zu verkomplizieren, dass er es eben nicht aussprechen und zu Ende führen kann. Indem er die Etymologie seines Titels aufspürt, wird er zum radikalen Komplizen seines Diktums, von dem Seyfi annimmt, dass es uns retten könne: die Verkomplizierung des Seienden im Ganzen. » Weiterlesen

Dieter Tauber : Das wahre Leben

Generationen von misepetrigen Sprachwissenschaftlern haben uns mit fragwürdiger Berufung auf Nietzsche in den letzten fünf Jahrzehnten auf mehr oder minder verklausulierte Weise an der Nase herumgeführt. Sie versuchten uns weis zu machen, die Welt sei vor allem eins, nämlich „sprachlich verfasst“. Das „wahre Leben“ sei nichts weiter als ein waberndes Heer von Metaphern, die sich abnutzend als „wirkliche“ Begriffe konstituieren. » Weiterlesen