Gaito Gasdanow : Das Phantom des Alexander Wolf

Wenn Kafka zufolge ein Buch die Axt für das gefrorene Meer in uns zu sein hat, dann schlägt einem Gasdanows Romananfang mit voller Wucht zwischen die Augen:
„Von allen meinen Erinnerungen, von all den unzähligen Empfindungen meines Lebens war die bedrückendste die Erinnerung an den einzigen Mord, den ich begangen habe.“ Der namenlose Ich-Erzähler hat in den Wirren des russischen Bürgerkrieges als 16-jähriger in Notwehr einen Reiter erschossen. Diese Tat – mitnichten ein Mord – verfolgt den Erzähler und holt ihn immer wieder ein. Sie wird zur Grundierung seiner zivilen Existenz als freier exilierter Journalist in Paris. Was er nicht weiß: Der Reiter hat überlebt. Als ihm Jahre später eine Erzählung in die Hände fällt, in der er die Begegnung minutiös aus der Sicht des anderen geschildert wiederliest, macht er sich auf die Suche nach seinem vermeintlichen Opfer, dem Schriftsteller Alexander Wolf. Sämtliche Nuancen, Parabeln und Figuren Gasdanows bewegen sich konzentrisch aufeinander zu, greifen mit der mechanischen Präzison eines Uhrwerks ineinander und lassen den Fortgang des Romangeschehens selbst als tickendes Fatum, das Absurde als notwendiges Existenzial hervortreten, dem sich allerdings, und das unterscheidet diesen bemerkenswerten Autor von Camus und Sarte, die Liebe entgegenstellt und den Weg frei schießt. Höchste Zeit, dass das Phantom Gaito Gasdanow, in der grandiosen Erstübersetzung von Rosemarie Tietze, endlich auch vom deutschen Lesepublikum entdeckt wird.

Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf. Übersetzt von Rosemarie Tietze, geb., 192 Seiten, Hanser Verlag, 17,90 Euro.

Am 15.01.2012 liest Rosemarie Tietze in Essen aus ihrer Übersetzung. Mehr Informationen