„Die kalten Nächte der Kindheit“, der autobiographisch gefärbte Roman der türkischen Autorin Tezer Özlü, lasten wie ein Alp auf dem Gedächtnis der Lesenden.
Zunächst blickt eine namenlose Erzählerin durch ein Prisma aufblitzender Kindheitsbilder, um sich in eine ungewisse Zukunft vorzuwagen. Zwischen ihren Lehrereltern gibt es keine Liebe. Der Vater, ein kemalistischer Schulinspektor, weckt mit Trillerpfeife die Kinder, marschiert tagelang im Pyjama herum. Die Brüder dürfen alles, die Mädchen ducken sich weg. Nationalstolz, Schule, Pflicht, Erfolg sind die beherrschenden Themen. Auf der Anrichte ein Atatürkschrein nebst türkischer Flagge, vor der die Familie strammstehen muss.
Schon nach wenigen Seiten erfahren wir, dass das junge Mädchen von Selbstmordgedanken verfolgt wird: «Leben ist gut, nicht leben ist genauso gut.» Hände voll schaufelt sie sich Tabletten in den Mund, die sie tagelang gesammelt hat. Sie hat sich dafür extra schön gemacht. Sie will, dass ihr toter Körper schön aussieht, «als gäbe es Menschen, an denen ich mich durch die Schönheit meines toten Körpers rächen will (…), Regeln, gegen die ich mich auflehnen will.» Doch aus der beengten Welt, der autoritären Kälterkammer gibt es kein Entrinnen. Sie wacht in einer psychatrischen Klinik auf, die mit wenigen Unterbrechungen ihre erste Station auf einer Reihe verstörender Klinikaufenthalte sein wird. Immer wieder werden ihr Zwangsjacken angelegt, wird ihr Körper wie ein ausgestrecktes Lamm fixiert, um sie mit endlosen Elektroschockbehandlungen ins Wachkoma zu jagen. Unter den Medikamenten und Stromschlägen fallen Erzählzeit und erzählte Zeit ineinander, verschwinden die Kopula und Verortung des Seins. Das Leben auf dem Land, Istanbul, Ankara, West-Berlin und Paris oszillieren; Begegnungen mit Männern wirbeln in autofiktionalen Retentionsschleifen wild durcheinander. Tezer Özlü löst die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit konsequent auf, wenn sie ihrer Figur einen Mann an die Hand gibt und sagen lässt: »Immer wenn ich tue, was ich will, lande ich hinter Gittern.» Dabei hat sie ihn geheiratet, damit er sie nicht den Ärzten und Kliniken ausliefert. Irgendjemanden heiraten als stiege man in einen Bus, irgendeinem Bewerber nachgeben, nur, um endlich frei zu sein und dem Wahn wie den kalten Nächten zu entkommen. Doch hinter diesem Mann wie hinter weiteren Männern wartet nur Einsamkeit. Der Liebesrausch schlägt um in Todessehnsucht; ihre Todessehnsucht verschmilzt mit sexueller Erfüllung. Sie will fliehen. Doch zu ihrer Familie kann sie nicht zurück. Es ist wie ein mehrfaches Aufwachen in noch schlimmeren Träumen. «Nicht die Elektroschocks machen mich gesund, nicht die Medikamente – sondern die Angst, jemals zurückzumüssen.», lautet das bittere Resümee einer Entlassenen, die vermeintlich geheilt ist.
Damit nicht genug: Parallel zu ihrer Verlorenheit schält Özül die Entfremdung einer säkularisierten, zerrissenen türkischen Gesellschaft heraus, deren Bohème inmitten der Militärdiktatur das Pariser Nachtleben imitiert: die Leidenschaft nach Autos, gefällte Bäume, das Hilton Hotel. «Wir haben uns der Socken entledigt. Jetzt ziehen wir Nylonstrümpfe an.» Wie besessen muss man sein, fragt sie, um in Ankara Paris als seine Rettung zu sehen.
Ein Wunder, dass die Erzählerin das erfahrene Leid überlebt und verwindet, und am Ende behaupten kann: «Die Jahre, die Ereignisse haben mich nicht zermürbt (..) sie haben meinem Herzen die Richtung gewiesen. Sie haben mich das Heilige gelehrt.» Vielleicht muss man durch die Hölle gegangen sein, diese Erschütterung erleben, um ein solches Universum zu finden.
Tezer Özlü: Die kalten Nächte der Kindheit. Roman. Aus dem Türkischen und mit einem Nachwort von Deniz Utlu. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. 112 S., 23,00 EUR